Skigebiet Dachstein-West: Mit dem Pistenraupen-Profi unterwegs

15.12.2017

Johann Wallner ist Europameister im Pistenraupenfahren. Im größten zusammenhängenden Skigebiet Oberösterreichs sorgt er für perfekte Abfahrten. Seine Schichten bestimmt das Wetter

Hängepartie: Johann Wallner bereitet die Talabfahrt Gosau vor

Am Ende des Skitages zeigt sich das Panorama noch einmal von seiner besten Seite. Im Südosten leuchtet das Dachsteinmassiv in der Abendsonne, weiter südlich schiebt sich der Gosaukamm mit seiner felsigen Flanke vor die Große Bischofsmütze. Die Pisten am Hornspitz-Express liegen schon im Schatten. Die letzten Skifahrer des Tages rutschen ins Tal, wo sich der Après-Ski-Betrieb langsam in Stimmung schunkelt.

Ein paar Meter daneben beginnt Johann Wallner seinen Arbeitstag. In den nächsten Stunden wird er mit seiner Pistenraupe, Typ Prinoth Leitwolf, die Abfahrten für den kommenden Tag vorbereiten. Er klettert über die Ketten in die Fahrerkabine, checkt die Systeme und lässt den Motor warm laufen. Das Cockpit vor dem wuchtigen Sitz in der Mitte hat 46 Schalter, Knöpfe und Regler.

Tagsüber gehört der Berg den Skifahrern. Wenn gegen 17 Uhr an der Talstation das rote Warnlicht aufleuchtet, übernehmen Wallner und seine Kollegen die Regie. Wie lang er heute Abend unterwegs sein wird? "Kommt ganz darauf an", sagt Wallner. Übersetzt heißt das: "Wenn es sein muss, die ganze Nacht."

Auf die Natur ist kein Verlass mehr

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Alles wie glatt gebügelt – Wallners Werk am Hornspitz

Dachstein-West ist zwar das größte zusammenhängende Skigebiet in Oberösterreich, aber immer noch so etwas wie ein Geheimtipp. Vor allem Familien kommen ins windgeschützte Mittelgebirge oberhalb von Gosau, genießen den Blick aufs Dachsteinmassiv und die Hohen Tauern, erleben die Gastfreundschaft in den Wirtshäusern, den Hotels und den urigen Hütten.

Das Gebiet mit seinen 55 Pistenkilometern gilt als schneesicher, die Preise sind moderat. Was die Gäste jedoch vor allem suchen, sind perfekt präparierte Pisten. Möglichst glatt soll der Untergrund sein, also ohne Unebenheiten. Eisige Stellen oder gar Steine gelten als Makel in der Projektionsfläche für den Traum vom Geschwindigkeitsrausch.

Auf die Natur allein ist dabei kein Verlass. Perfekt vorbereitete Pisten sind ein harter Ganzjahresjob, auch für Johann Wallner. Von November bis April hat der 33-Jährige keine geregelten Arbeitszeiten, rückt aus, wann immer es sein muss. Abends sowieso, und wenn es viel schneit, auch noch einmal vor dem Morgengrauen. Nach sechs Tagen im Schichtdienst hat er drei Tage frei, dann geht es wieder von vorn los.

Nebenher versorgt er mit seiner Freundin Alina und seiner Mutter daheim auf dem Hof die zehn Kühe, Tiroler Grauvieh. Sie verkaufen die Milch, gelegentlich gibt es eine Hausschlachtung. Tiertransporte mag Wallner nicht. Richtig gesprächig wird er aber nur, wenn es um seine Pferde geht – die drei Noriker, Gebirgskaltblutpferde. Mit denen ist er in der Freizeit unterwegs, startet mit den Kumpels von den "Gosinger Spitzreitern" beim Skijöring und bei Kutschenrennen.

Zwölf Hektar wie mit Zirkel und Lineal präpariert

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Die ­Pistenraupenfahrer müssen behutsam mit dem "Rohstoff" umgehen

Die Sonne ist vor einer Stunde untergegangen, jetzt ist Wallner der Herr am Berg. Die Skifahrer drücken mit jedem Schwung ein wenig Schnee in Richtung Tal. Wallner schiebt die weiße Masse wieder bergauf, planiert dabei Hügel und Furchen. Einer gegen viele sozusagen. Immer wieder treibt er seinen Leitwolf die Piste hinauf und wieder hinunter.

Gesteuert wird wie in einem Bagger: Die linke Hand regelt den Kettenantrieb, die Finger seiner rechten tanzen unablässig über die Bedienknöpfe eines Joysticks, mit dem er die knapp sechs Meter breite Schaufel je nach Bedarf hebt, verschiebt, neigt, faltet oder kippt.

Zwölf Hektar groß ist das Gebiet, das er Tag für Tag abfährt. Für Langeweile bleibt keine Zeit, denn jeder Tag ist anders: Neuschnee, Altschnee, warme oder kalte Luft, Wolken, Sonne – die Bedingungen wechseln ständig. Es gehe auch nicht darum, einfach alles platt zu walzen, sagt Wallner. "Wir arbeiten mit dem Gelände und modellieren die Piste. Du brauchst ein gutes Auge für den Schnee und für den Berg." Und tatsächlich wirkt es, als spüre er Unebenheiten, bevor er sie sieht, als bewege er die 13-Tonnen-Maschine wie einen Teil seines Körpers.

"Einen guten Fahrer erkennst du sofort. Dann sieht die Piste aus, als habe er beim Präparieren mit Lineal und Zirkel gearbeitet", erklärt Horst Gamsjäger, einer von drei Betriebsleitern der Hornspitzbahn. Und der Wallner Hans ist vielleicht der beste. 2003 hat der gelernte Schalungszimmerer als Fahrer bei der Liftgesellschaft angefangen. 19 Jahre alt war er damals und die schweren Maschinen vom Bauernhof der Familie gewohnt. "Das hatte ich im Blut", erzählt er, das habe gleich gut funktioniert.

Ein Europameister im Pistenraupenfahren

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Morgendliches Panorama am Hornspitz-Express im Skigebiet Gosau

Auch international muss sich Wallner nicht verstecken, immerhin ist er amtierender Europameister im Pistenraupenfahren, geschickter steuert keiner. Rund 700 Fahrer waren 2010 bei den Vorausscheidungen angetreten, im Finale in der Schweiz setzte sich Wallner dann gegen 22 Konkurrenten durch. Die Disziplinen: Geschicklichkeitsfahren und Präzision. Ob das eine große Ehre gewesen sei? Vor allem wohl ein großer Spaß. "Das haben wir vor Ort ordentlich gefeiert", erinnert sich Wallner.

Aber er schafft das nicht allein. "Was wir hier machen, funktioniert nur im Team", sagt Betriebsleiter Gamsjäger. Auf der oberösterreichischen Seite von Dachstein-West arbeiten 50 Kollegen das ganze Jahr über für das perfekte Skierlebnis. Im Winter kommen noch einmal 35 Saisonkräfte dazu. Der Job sei anstrengend und reich werde man auch nicht, sagt Gamsjäger.

Auf der anderen Seite gibt es hier in der Gegend nicht allzu viele Alternativen. Wer nebenher einen Hof zu versorgen hat oder schlicht in der Gegend bleiben möchte, freut sich über die Arbeit. Auch die Lehrstellen sind immer besetzt, derzeit machen drei Azubis die Ausbildung zum Maschinisten für Seilbahnen.

Schneekanonen kommen per Hubschrauber

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Johann Wallners Vater Sepp überprüft frühmorgens die präparierten Pisten

Und für Wallner ist der Berg so etwas wie eine Familienangelegenheit. Ein Stück entfernt zieht ein zweites Pistengerät seine Bahn, gesteuert von seinem Cousin Michi. Abgelöst wird er in drei Tagen von Bruder Sepp. Vater Sepp Wallner senior ist der Pistenchef, verantwortlich für Beschneiung und Sicherheit im Skigebiet. Im Sommer hat die Familie für die Kühe genau hier ein Weiderecht, so kennt er jeden Stein.

Der Winter kommt für die Männer und Frauen schon im September. Dann werden die Schneekanonen geprüft und in Position gebracht, teilweise mit dem Traktor, an unzugänglichen Stellen mit dem Hubschrauber. Gleichzeitig werden Wasserleitungen verlegt und die Weidezäune abgebaut.

Insgesamt 65 Schneemaschinen verteilen sich später über die Hänge am Hornstein, zwei Pumpstationen und ein Speichersee am Berg versorgen die Anlage. Sobald es kalt genug ist, wird Schnee gemacht, unter Idealbedingungen bis zu 25.000 Kubikmeter jeden Tag. Der muss verteilt, planiert und präpariert werden.

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Wer ist besser? Pistenbully oder Leitwolf?

Zwei Firmen streiten um den Titel Weltmarktführer im Bereich Pistenraupen: Die Südtiroler Firma Prinoth* mit Sitz in Sterzing und die Firma Kässbohrer mit ihren Pistenbullys* und Sitz im schwäbischen Laupheim. Beide blicken auf eine lange Tradition zurück, haben Pionierarbeit geleistet.

Während die Pistenbullys traditionell knallrot gesrichen sind (mit Ausnahme des grün lackierten Hybridmodells), präparieren die Prinothtypen meist silberfarben die Pisten. Technologisch sind beide auf gleichem Niveau, Kässbohrer hatte zuletzt mit dem innovativen Hybridmodell Pistenbully 600 E+ technisch und ökologisch ein bisschen die Nase vorn.

Kunst im Schnee

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Auf der Hornspitzabfahrt sperrt Wallner die Rennstrecke ab

Für Wallner beginnt die Saison in der Pistenraupe damit, dass er sich aus den Schneehaufen eine eigene Piste baut und größere Löcher zuschüttet, quasi Brücken baut. Die Kunst besteht darin, im Gelände eine eigene Schneelandschaft zu formen – wenn alles gut geht. Ein später Wärmeeinbruch kann die Arbeit von Tagen oder gar Wochen zunichtemachen. Aber das sei eben nicht zu ändern, sagt Wallner. "Wir arbeiten immer noch in der Natur", sagt er, "die ist am Ende stärker." Dann gehe es halt wieder von vorn los.

Nach der Saison, ab Mitte April, wird alles abgebaut, gewartet und bei Bedarf erneuert. Auf den Pisten grasen wieder die Kühe. Wallner und seine Kollegen haben jetzt vier Monate Zeit, um alles wieder in Schuss zu bringen, die Liftanlagen zu überprüfen und auch, um neue Drainagen und Ablaufschächte in den Berg zu bauen und Wege anzulegen. Der nächste Winter kommt bestimmt.

Wallner pflügt mittlerweile durch den Steilhang im oberen Drittel der Abfahrt. Motor und Ketten allein würden hier nicht reichen, um die schwere Maschine im Schnee auf Kurs zu halten. Der Prinoth Leitwolf hängt an einem elf Millimeter dicken Stahlseil, das sich von einer Winde auf der Ladefläche abrollt.

Lebensgefahr neben der Raupe

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Wenn die Skifahrer weg sind, schiebt sich Wallners Leitwolf durch die Nacht

Der Ankerpunkt am Berg ist mit zehn Kubikmetern Beton tief im Boden verwurzelt, mit bis zu zehn Tonnen zerrt der Leitwolf an dem Stahlträger. Die Winde des Pistengeräts unterstützt so stark, dass die Ketten gerade nicht durchdrehen. Traktionskontrolle mal anders.

Eine Anzeige im Cockpit zählt herunter, wie viel von dem 1200 Meter langen Seil noch auf der Rolle ist. Wer dem Leitwolf jetzt zu nahe kommt, begibt sich in Lebensgefahr. Wenn Wallner Kurven fährt, kann sich das gespannte Seil in den eisigen Schnee eingraben und dann plötzlich wütend ausschlagen. Was in der Fahrerkabine als kurzes Rucken ankommt, fällt junge Tannen und reißt dicke Äste von den Bäumen am Pistenrand. Auch unvorsichtige Skifahrer könnte es treffen. Passiert sei zum Glück noch nie etwas, sagt Wallner.

Nach fünf Stunden ist die Piste bereit für die Skiabenteuer des nächsten Tages. Wann er selbst das letzte Mal Ski gefahren sei? „Das ist Jahre her“, sagt Wallner in der Moosalm neben der Talstation. Hier sitzen die Pferdefreunde von den Gosinger Spitzreitern beim jährlichen Ripperlessen. Wallner setzt sich zu den Reiterkollegen und bestellt – es hilft ja nichts – ein Spezi zum Essen. Der Wetterbericht hat Schnee angekündigt, wahrscheinlich muss er um vier Uhr in der Früh raus auf die Piste.

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Info Skigebiete Oberösterreich

Puderzucker-Gipfel vor blauem Himmel und Pisten in allen Neigungswinkeln. Diese sieben Skigebiete Oberösterreichs sind die beste Kulisse für einen entspannten, aber auch anspruchsvollen Urlaub im Schnee.

Für Anspruchsvolle: Das einzige Weltcup-­Skigebiet und das größte zusammenhängende Skigebiet Oberösterreichs
Hinterstoder *
Dachstein-West *

Für Familien: Flutlichtpisten, tolle Ausblicke und mit der schnellsten Standseilbahn Europas von Spital am Pyhrn auf die ­Wurzeralm
Hochficht *
Kasberg *
Wurzeralm *

Für Preisbewusste: ­sicheres Schnee­vergnügen garantiert der kleine Ski­zirkus mit neun ­Liften und gut präparierten Pisten

Feuerkogel *

Text: Ole Zimmer. Fotos: Marc Wittkowski. Diese Reportage stammt aus dem ADAC Reisemagazin "Oberösterreich". Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des ADAC Verlags.

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