Urlaub & Unterhaltung

Mit dem Oldtimer-Taxi durch Berlin

17.1.2018

Wenn Matthias Zierau mit seinem betagten Peugeot 404 vorfährt, staunen die Leute. Doch das Leben als Taxifahrer in Berlin ist nicht nur schön: Verkehrsdichte, ­Überfälle und Konkurrenz. Bei einer Tour erzählt er, warum er in seinem Oldtimer-Taxi dennoch glücklich ist

Matthias Zierau ist stolz darauf, das älteste Taxi Berlins, einen 50 Jahre alten Peugeot 404, zu fahren

Die Leute am Straßenrand winken, fotografieren oder heben die Daumen. Manche sehen erstaunt aus, andere grinsen. Eltern bleiben stehen und zeigen ihren Kindern das alte Taxi, das da an ihnen vorbeifährt. Dieser Oldtimer ist aber auch ein Blickfang: ein Peugeot 404, ein halbes Jahrhundert alt. Am Steuer sitzt Matthias Zierau – seit 26 Jahren Taxifahrer in Berlin. "Es gibt so viele positive Reaktionen der Leute auf mein Auto. Das ist toll und bringt mich durch den Tag, auch wenn es mal nicht so gut läuft", sagt er. Der silberne Türknopf der Hintertür lässt bereits das Einsteigen in das älteste Taxi Berlins zum Highlight werden. Eingesunken in die Ledersitze der Rückbank sucht der Fahrgast allerdings vergebens nach dem Sicherheitsgurt. Keiner da.

"Willkommen bei Ihrer privaten Zeitreise. Dieses Modell aus dem letzten Jahrtausend hatte noch keine Gurte", erklärt Matthias Zierau. Muss es auch nicht, denn Oldtimer, die älter als 30 Jahre sind und keine Anschnallsysteme haben, dürfen ohne gefahren werden.

Kein Gurt, kein Piepen, keine computergesteuerte Bordelektronik und keine Klimaanlage; stattdessen Fenster zum Herunterkurbeln, ein schönes altes Lenkrad und das gute Gefühl, in einem Auto mit Seele und Geschichte zu sitzen.

 

Chauffeur, Seelsorger und Entertainer in einer Person 

Zoom-In
Übersichtliches Cockpit: Tacho, Radio, Tankanzeige, Taxameter & Heizung

Matthias Zierau, 52, trägt einen Vollbart, eine kleine, runde Brille und eine Schiebermütze. Dazu das weiße Hemd, die Weste und darüber die Lederjacke mit dem Firmenlogo: Klassik-Taxi-Berlin. Wie ein gemütlicher Chauffeur sieht er aus. Seine Stimme dröhnt durch den ­Wagen, wenn er von seinen Erlebnissen berichtet: eine gebrochene Nase, weil einem Fahrgast das Rauchverbot missfallen hat; auch ein paar Überfälle zählen dazu. Fühlt Zierau sich bedroht, drückt er einen Alarmschalter: "Dann blinkt und hupt der Wagen. Der Krach hat schon einige vertrieben", sagt er.

Manchmal meckert auch ein Gast, weil er den Oldtimer für schäbig hält. "Doch die meisten freuen sich darüber, mit diesem Gefährt ohne Aufpreis durch Berlin kutschiert zu werden." Einmal saß ein Bischof bei ihm auf der Rückbank. Ein alter, zerbrechlicher Mann voller Liebe und Güte, der in einem einfachen Appartement wohnte, um in seinem Haus eine Flüchtlingsfamilie beherbergen zu können. "Der hat mich echt beeindruckt. Solche Begegnungen prägen", sagt Zierau.

Dabei ist er häufig selbst Seelsorger und hört den Menschen zu, wenn sie von Trennungen erzählen, von Jobverlust und gescheiterten Plänen. Oder er gibt den Unterhalter, zeigt Touristen die Stadt und erzählt seine Geschichten. Oft ist er auch einfach nur der, der einen zum Bahnhof, zum Flughafen, zum Arzt oder nachts von der Bar nach Hause bringt. "Betrunkene machen mir nichts aus", sagt er, "gerade die sollen ja nicht selbst, sondern Taxi fahren."

Freundlich sein, das muss ein Taxifahrer, unabhängig davon, wer hinten einsteigt und wie weit er gefahren werden möchte. "Wer das nicht beachtet, sollte nicht Taxi fahren", findet er. Zierau hat ­Jura studiert, Taxi fahren sollte nur ein Job sein für zwischendurch. Doch aus dem Job wurde eine Lebensaufgabe. Manchmal zweifelt Zierau, ob er seine Chancen nicht hätte besser nutzen können. Vor allem, wenn es mal wieder nicht so gut läuft. Wenn er wartet und wartet, und keiner steigt zu. Wenn er in der Stunde nur 10 Euro Umsatz macht. Wenn 1200 Euro am Monatsende übrig bleiben – nach 45 Wochen-Arbeitsstunden. Dazu der brutale Verkehr: das ewige Stop-and-go, die Staus, die Baustellen, die neue Konkurrenz durch Onlineanbieter. Doch wenn man Zierau dabei beobachtet, wie er sanft über das Lenkrad seines Oldtimers streicht, wie er wissend und sicher den Verkehr prüft, wirkt er zufrieden. "Ich möchte kein anderes Auto fahren. Das macht mich glücklich."

Text und Fotos: Karl Grünberg

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