Motorradtour: Von München nach Mallorca

22.9.2017

Über den Brenner, durch Italien und Südfrankreich nach Barcelona und Mallorca? Klingt nicht sehr rational. Autor Michael Gösele erklärt, warum diese Motorradtour nicht zu toppen ist

 

1500 Kilometer Fahrstrecke, die Alpen, der Brenner, die Riviera, die Côte d’Azur, die Camargue, die Costa Brava, Barcelona und schließlich das Mittelmeer: Zwischen München und Mallorca gibt es für Motorradfahrer einiges zu überwinden und zu erleben. Und genau das macht diese Biker-Tour so spannend.

Das Gefühl wunderbarer Unvernunft

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Motorrad oder Flugzeug? Für Autor Gösele ist die Antwort klar

Es gibt Entscheidungen, die sind auf den ersten Blick höchst unvernünftig. Und auf den zweiten und dritten auch. Ein Beispiel: Ein Ferienflug von München nach Palma dauert etwa 2 h 10 min und kostet – bei geschickter Buchung – zwischen 60 und 70 Euro. Mit dem Auto oder dem Motorrad ist man nach zwei Stunden von München aus knapp am Brenner oder in Lindau angekommen – freie Straßen vorausgesetzt, was zumindest auf der Brennerstrecke gefühlt zuletzt vor 50 Jahren der Fall war.

Wie auch immer, warum sollte ein normal denkender Mensch die Strecke von Bayern nach Mallorca auf einem Motorrad machen? In den Pfingstferien, bei gut 30 Grad Außentemperatur? Die Kosten können es nicht sein, denn für die Fahrt nach Mallorca und wieder zurück hätte man 13 Mal nach Palma und retour fliegen können.

Das ist kein Scherz und schon gar kein Rechenfehler, denn die Reisekosten für eine Biketour von München auf die beliebteste Urlaubsinsel der Deutschen berechnen sich in etwa so: ca. 210 Euro für Benzin, es sind hin und zurück immerhin rund 3000 Kilometer. Etwa 160 Euro kostet die Fähre von Barcelona nach Palma, und für die Maut – wenn man sich vornehmlich auf der Autobahn bewegt – werden noch mal gut 220 Euro fällig. Dazu kommen mindestens zwei, eher aber vier Übernachtungen (wenn man sich die Maut spart), die wir konservativ mit 250 Euro berechnen und etwa 100 Euro für die Verpflegung.

Vernunft ist manchmal eben langweilig

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Highlights unterwegs: die Alpen, die Cote d’Azur, Barcelona …

Stellt sich die Frage noch einmal: Warum mit dem Motorrad, wenn die ganze Geschichte (ohne Verschleiß) zusammen fast 1000 Euro macht? Die Antwort ist einfach. Und doch auch kompliziert. Wir machen etwas derart Unvernünftiges, weil Vernunft mitunter langweilig und ereignisarm ist. Wir machen so etwas, weil wir eben nicht alle einen Dacia Logan in der Grundausstattung fahren. Weil wir nicht nur Schweinefleisch vom Discounter, das Kilo für 3,99 Euro, essen möchten, und weil wir auf Mallorca vielleicht eine kleine Finca mit Pool gebucht haben und uns nicht ein lachhaft billiges, mehrstöckiges Apartment-Silo mit 380 extrem durstigen Briten teilen wollen.

Wir machen so etwas, weil Unvernunft mitunter etwas Befreiendes haben kann. Weil Unvernunft häufig der einzige Luxus ist, der uns noch bleibt und weil uns diese Unvernunft Bilder und Eindrücke schenkt, die Ryanair, Vuehling oder Condor schlichtweg nicht im Programm haben: den Bodensee, das Berner Oberland, den Genfer See, die Alpen, das Languedoc, die Cevennen, die Pyrenäen, die Costa Brava oder auf dem Rückweg  die Camargue, die Provence, die Côte d’Azur, die italienische Riviera-Küste, die Toskana, Südtirol, Tirol… die Aufzählung könnten wir hier noch seitenweise fortführen.

Die Holzklasse in einem Billigflieger ist nicht ansatzweise so erhaben wie die Sitzbank einer Yamaha XT 1200 Super Ténéré. Die Turbinen eines mittelgroßen Airbus sind niemals so eindrucksvoll wie die stampfenden Kolben dieses famosen Zweizylinder-Triebwerks aus Japan. Wer mit dem Flugzeug nach Mallorca reist, sieht nicht vom Hafen aus, wie prächtig die Sagrada Familia, diese gewaltige Kirche, die seit 1882 im Bau ist, über Barcelona thront.

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Delfine, die ein Rennen austragen

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Auf der Fähre nähert man sich voll Stolz der Insel

Wer auf dem Luftweg nach Mallorca reist, sieht nicht die Delphine, die sich mit der Fähre ein ausgelassenes Rennen liefern und dabei meterweit durch die Luft gleiten. Der Flugpassagier sieht die Stachelrochen nicht, die unbeeindruckt neben dem gewaltigen Schiff vorbeischwimmen, und er kennt das Gefühl des Erstaunens nicht, wenn man plötzlich vom Schiff aus beide Küsten sieht – die des spanischen Festlandes und die von Mallorca, bevor eine von beiden in der Ferne verblassend wieder aus dem Blickfeld verschwindet.

Der Urlauber im Flugzeug weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn man rund zwei Stunden um die Westseite der Insel fährt, um vom Süden aus den Hafen von Palma anzusteuern. Und er erfährt nicht dieses Gefühl des Stolzes, etwas geschafft zu haben, worüber 99 Prozent aller Mallorca-Touristen noch nie nachgedacht haben: Die Insel auf dem Land- und Seeweg erreicht zu haben. Wie John Wayne auf einem seiner endlosen Ritte gen Westen. Mit 110 Pferden halt, die die Yamaha XT1200Z Super Ténéré bereithält.

Der Flugpassagier wird nie wissen, was es heißt, sich seinen Mallorca-Urlaub zu erarbeiten. Auf der Straße. Und zur See. Bei Hitze, Wind und Regen über der Schweiz. Wenn der Mistral vor der spanischen Grenze das Motorrad in seine Fänge nimmt und der Fahrer in Schräglage gehen muss – auf gerader Strecke. Ach, man könnte sich dabei doch glatt wie ein Held fühlen. Zum Glück – das muss man schon sagen – wurde irgendwann die Unvernunft erfunden.

Text: Michael Gösele. Illustrationen: Viola Binacchi.

Kontakt zur Redaktion: redaktion.motorwelt@adac.de

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Tipps & Infos für die Strecke

Für die Strecke Süddeutschland nach Palma de Mallorca gibt es mehrere Optionen:
1. Über den Brenner in Richtung Genua und dann die Riviera entlang nach Frankreich. Man passiert Monaco, Nizza, St. Tropez, fährt durch die Provence und Camargue.
2. Via Bodensee, dann durch die Schweiz zum Genfer See und von dort durch das Languedoc nach Süden.
3. Über Stuttgart/Karlsruhe, um dann südlich von Freiburg nach Frankreich (Straßburg) zu fahren. Ab dort dann Richtung Süden.
Bei Montpellier (hier landen alle drei Routen) lohnt sich ein Abstecher in die Cevennen. An der spanischen Grenze wäre eine Tour durch die Pyrenäen nach Andorra eine Überlegung. Danach geht es weiter nach Barcelona. Die Fahrtzeit der Fähre von Barcelona nach Palma dauert rund 7 Stunden und kostet Hin- und Rückfahrt (1 Person und 1 Motorrad) etwa 160 Euro. Kabinenplätze sind teurer, aber eigentlich nicht notwendig. Wichtig ist, dass man mindestens eine Stunde vor Abfahrt zum Check-in-Schalter der Reederei geht und sich seinen Boarding-Pass abholt. Wer das nicht macht, kommt nicht an Bord!

Wichtigste Reedereien sind:
Balearia* Trasmediterranea*

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