Reise & Freizeit

Die S-Klasse geht baden

Für 2,5 Millionen Euro kann man künftig auch auf dem Wasser Mercedes-Benz fahren. Eindrücke von der ersten Testfahrt mit der Luxusjacht „Arrow 460 Grantourismo“

„Arrow 460 Grantourismo“ nennt Daimler das neueste Baby seiner Luxus-Abteilung, die unter der Bezeichnung „Mercedes-Benz Style“ firmiert. Nach Edel-Helikopter, schickem Apartment und elegantem Flugzeug-Interieur wagen sich die Stuttgarter Designer nun aufs Wasser, um mit ihrem maritimen Silberpfeil den Markt der Jetset-Jachten aufzumischen. Aber wie viel Daimler steckt wirklich in dem edlen Schiff?

Ein Luxusliner für 2,5 Millionen Euro
Mit einer vergleichsweise jungen Truppe hat Gorden Wagener, Chef der Stuttgarter Design-Schmiede, das maritime Silberpfeil-Projekt auf die Beine gestellt. Entwickelt wurde die „Arrow 460“ gemeinsam mit dem eigens für dieses Projekt gegründeten Bootsbauer Silver Arrows Marine, einem Zusammenschluss von international bekannten Schiffsarchitekten. Fünf Jahre hat es gedauert, bis die Jacht in See stechen konnte.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Für 2,5 Millionen Euro bekommen betuchte Zeitgenossen ein 14 Meter langes Schiff, das tatsächlich aussieht, als ob sich ein Speedboot mit einem S-Klasse-Coupé gepaart hätte. Die Neigung der Windschutzscheibe, der Bogen der Dachlinie und die leidenschaftlichen Hüften – all das haben die Designer tatsächlich in einem neuen Maßstab von der Straße auf das Wasser übertragen.

Drei Stück sind schon verkauft
Zwar strahlt Jacopo Spadolini, Firmenchef von Silver Arrows Marine, mittlerweile mit der Sonne an der Côte d’Azur um die Wette, wenn er Gäste oder Interessenten an Deck bittet. Erst recht, wenn sie wie die ersten drei Kunden aus Deutschland, Dubai und den USA am Ende einen Kaufvertrag unterschreiben und 50 000 Euro als Anzahlung dalassen. „Doch wir mussten bisweilen ganz schön schwitzen, um die hohen Ansprüche der Autodesigner umzusetzen,“ sagt der Firmenchef und erzählt vom schier endlosen Kampf über Haltegriffe oder Laufwege, die bloß keine Linien zerstören durften.

Nicht umsonst hat die „Arrow 460” jetzt einen Buganker, der mitsamt seines Teleskopkranes elektrisch im Rumpf verschwindet, wenn er nicht gebraucht wird. Aus gutem Grund surrt die Badeplattform wie eine Schublade erst dann aus dem Heck, wenn die Passagiere die „Terrace by the Sea“ tatsächlich nutzen wollen. Und ganz sicher nicht aus Langeweile hat Spadolini über 70 Schablonen und Formen für die Karbonkonstruktion herstellen lassen, wo andere Schiffe in dieser Größe mit weniger als der Hälfte auskommen.

Das Interieur ist so elegant wie in der S-Klasse
Dabei beschränkt sich die Zusammenarbeit nicht auf Äußerlichkeiten: Der Boden der Kabine ist mit denselben Hölzern ausgelegt, wie zuletzt die Showcars aus Stuttgart. Die Klimaanlage bläst durch Lüfterdüsen wie in der S-Klasse. Es gibt eine Ambientebeleutchung in identischen Farben. Die Anzeige des Bordcomputers im Fahrstand an Deck hat die gleiche Grafik. Und genau wie beim Glasdach von S-Klasse Coupé oder Mercedes SL kann man auch die Scheiben der „Arrow460” auf Knopfdruck dimmen – nur dass sie hier zehnmal größer und viel komplexer geformt sind.

Auch die Innenausstattung ist vom Feinsten. Während die Kabine selbst bei den teuersten Booten meist nur als Höhle für schlechtes Wetter dient, hat Wagener eine Lounge gestaltet, die nicht minder licht, luftig und luxuriös ist wie der Innenraum der S-Klasse. Vor allem öffnet die sich nach allen Seiten, statt die Passagiere gefangen zu nehmen. Deshalb hat die Kabine mit dem versenkbaren Glastisch zwischen der mit leichten Netzen bespannten Sofalandschaft und den geschickt getarnten Flachbildschirmen nicht nur eine umlaufende Glasfront wie ein Auto, sondern man kann die rahmenlosen Seitenfenster wie beim S-Klasse-Coupé auch komplett und natürlich voll elektrisch versenken. Und obendrein auch noch die Frontscheibe aufstellen, bis sie als Pergola zum Schattenspender auf dem Sonnendeck wird.

Das Boot hat jede Menge Dampf
Ähnlich wie das Coupé der S-Klasse versteht sich die „Arrow 460” dabei nicht als Rennboot, sondern ist eher zum Cruisen gedacht. „Granturismo“ nennt Spadolini das Konzept und demonstriert, wie ruhig der Rumpf nach monatelangem Feinschliff im Labor durch die Wellen schneidet, ohne dass der Chef angesichts des zurückliegenden Mittagessens aus der kleinen Kombüse im Achterdeck um die hellen Bezüge auf der luftigen Sitzgruppe fürchten müsse. Trotzdem hat das Boot aus Stuttgart jede Menge Dampf – selbst wenn Spadolini der Versuchung widerstanden und doch keine V8-Motoren von AMG eingebaut hat. Stattdessen schuften zwei gewaltige Yanmar-Diesel, die man im Gegensatz zu den Mercedes-Motoren erstens in jedem Hafen der Welt warten kann und die zweitens zu den leisesten Motoren ihrer Art zählen.

Mit jeweils knapp sechs Litern Hubraum und 440 PS müssen sich die Sechszylinder nicht verstecken, die Spitze beträgt etwa 70 km/h. Bis Spadolini in ein paar Wochen mit der Serienfertigung beginnen kann, muss er noch einmal an die Konstruktion ran und ein paar Zentner Gewicht einsparen. Denn für das ursprüngliche Lastenheft ist die Jacht ein bisschen schwer geworden – auch da steht sie dem Coupé der S-Klasse in nichts nach.

Text: Thomas Geiger, Fotos: Lapo Quagli/Arrow Marine Systems

Daten & Fakten (Herstellerangaben)

Länge: 14,17 m
Länge Wasserlinie: 13,98 m
Breite: 3,97 m
Tiefgang: 0,98 m
Verdrängung: 13,00 t
Treibstofftank: 910l
Wassertank: 285 l
Motoren: 2 Yanmar 6LY440, 440 PS (324 kW), Direct Injection Common Rail System oder 2 Yanmar 6LY3-ETP, 480 PS (353 kW)
Geschwindigkeit: ca. 28 kn cruising, ca. 38 kn maximum