Meran – Zurück in die Zukunft

5.7.2018

Jahrzehntelang hat die Kurstadt Meran mit Knödeln, Lederhosen und Sisi-Kult die Besucher nach Südtirol gelockt. Nun kehrt eine in alle Welt verstreute junge Generation heim – um der Stadt neuen Zauber einzuhauchen. Plus: Die Top-Sehenswürdigkeiten, Restaurants und ein Hotel-Tipp

Blick über Meran
Meran in den Südtiroler Alpen

Wenn Martin Kirchlechner morgens im Garten seines Familienguts sitzt, dann deutet nichts darauf hin, dass um ihn herum eine Stadt mit rund 40.000 Einwohnern zum Leben erwacht. Kein Verkehrsrauschen, kein ­Hupen. Nur das Zwitschern der Spatzen. Kakteen, Phönix-Palmen und Agaven leuchten in der Morgensonne, die zwischen den schnee­bedeckten Gipfeln hindurchstrahlt.

Das ist Meran. Ein mediterran-alpines Zusammenspiel. Im ­Norden von der Texelgruppe abgeschirmt, deshalb immer einen Schuss südländischer als der Rest der Alpenprovinz. Seit Jahrhunderten Treffpunkt der Künstler – Arthur Schnitzler, Franz Kafka, Heinrich und Thomas Mann. Und natürlich Sissi, die Kaiserin, die Meran 1870 und 1889 zu ihrem Winterdomizil erkoren hatte.

Das sind die Top-Sehenswürdigkeiten in Meran

Kurhaus

Das im 19. und 20. Jahrhundert errichtete Bauwerk an der Passer-Promenade bewahrt den Flair des einstigen Weltbades. Heute dient es als Veranstaltungszentrum.

Landesfürstliche Burg

Das kleine Schloss wurde im 15. Jahrhundert als Stadtresidenz erbaut und gilt als Zeugnis spätgotischer Wohnkultur.

Laubengasse

In den Stallungen der früheren Hauptstadt Meran sind heute Nobelboutiquen untergebracht.

Stadtpfarrkirche

Das mittelalterliche Gotteshaus mit seinem 83 m hohen Turm gilt als Lieblingsmotiv aller Fotografen.

Schloss Trauttmansdorff

Das Touriseum führt durch 200 Jahre Meraner Geschichte und beherbergt über 100.000 Pflanzen.

Meran ist mehr als nur ein Kurort

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Ottmanngut Suite and Breakfast Meran
Behaglich: Das von Martin Kirchlechner geführte Hotel Ottmanngut

Die Stadt ruhte stets in sich. Irgendwann dann aber etwas zu sehr. Viele junge Meraner wollten in den vergangenen Jahrzehnten weg aus dem angestaubten Idyll. Auch Kirchlechner hat es als Student nach Wien gezogen. Während seines Studiums hat seine Familie beschlossen, das ihr mittelalterliches Gut umzubauen. Und je mehr der heute 30-Jährige in den Semes­terferien beim Um­bau half, umso mehr keimte in ihm die Idee, das Haus selbst zu führen.

Kirchlechners Hotel Ottmanngut zieht ein Publikum an, das Lust auf Südtiroler Kultur abseits der jahrzehntealten Klischee­s aus Knödeln, Lederhosen und Alpenschick hat. Es steht für die angebrochene Verjüngungskur der alten Dame Meran. Die Gäste sitzen im Frühstückssaal beim Drei-Gänge-Menü. Hausgemachtes Sauerteigbrot, Ziegencamembert aus dem Ultental, pochiertes Ei aus Marling, hausgemachter Holunderblütensaft. ”In meiner Jugend waren die Gäs­te durchgehend älter“, erinnert sich Kirchlechner. Es kamen vor allem Busgruppen nach ­Meran. Heute spazieren junge Paare mit Kinderwagen über die Passerpromenade.

TIPP
Ottmanngut*: Ein grünes Idyll inmitten der Stadt mit elf individuell einge­richteten Zimmern.

Viele kreative Köpfe kommen zurück

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Harry Thaler in Meran
Bequem: Der Design-Shootingstar Harry Thaler

Meran war immer schon eine Stadt des Wandels. Bis 1420 Tiroler Landeshauptstadt, erfand es sich Mitte des 19. Jahrhunderts als Kurstadt neu. Als Pio­nierin des Tourismus wurde sie Vorreiter regionaler Modernität. Die 2005 erbaute Therme* gab den Startschuss zum erneuten Erwachen. Dann folgten renovierte Schätze wie das Ottmanngut oder auch der Pur-Südtirol-Laden inmitten der Stadt, der mit Produkten aus der Region für ein neues Bekenntnis zum Genuss steht.

Die Innenausstattung der Südtiroler Pur-Läden mit gedrechselten Lampen aus heimischem Kastanienholz und Por­phy­r­­böden aus dem Sarntal stammt von Harry Thaler. Als Student hatte es den Meraner nach London verschlagen, und noch während seines Studiums am Royal ­College of Art erfand er den ”Pressed Chair“, einen 2,8 Kilogramm leichten Stuhl aus Aluminium, wofür er in der Design­welt gefeiert wurde. Im Sommer 2017 ist er aus England zurückgekommen. Thaler sitzt im Sternerestaurant Sissi, einem seiner Lieblingslokale: ”Früher zog es alle Kreativen in die großen Städte, heute ist man besonders, wenn man in die Provinz geht.“

TIPP
Sissi*: Sternekoch ­Andrea Fenoglio präsentiert seine innovative Küche.

Kulinarisch hat die Stadt viel zu bieten

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Mariantonietta Stramandinoli in Meran
Beliebt: Die Geschäftsführerin der Pizzeria 357

Andrea Fenoglio, Chefkoch und Besitzer des Sissi, tischt dem Designer die Hauptspeise auf: Milchlammschulter in Pistazien­kruste. Fenoglio ist auch so einer, der sich die Stadt macht, wie sie ihm gefällt. Er hat sich nie darüber beklagt, dass ihm in den Touristenrestaurants das fade und überteuerte Angebot nicht schmeckt, sondern eine eigene Pizzeria eröffnet, das 357 – geleitet von seiner langjährigen Mitarbeiterin Mariantonietta Stramandinoli. Auch sie ist dafür nach Meran zurückgekehrt.

Der Rohschinken stammt aus Modena, die Pilze kommen aus Südtirols Wäldern, die Oliven aus dem apulischen Bitonto, die Zwiebeln aus dem kalabrischen Tropea. Dazu gibt es eine Auswahl an exzellenten Weinen, Whiskeys, Gins und italienischen Craftbieren.
In Lokalen wie dem 357, dem Kallmünz am Sandplatz oder der Cocktailbar ­Rossini an der Freiheitsstraße, der zentralen Ausgehmeile, verschmilzt alle Inspiration der Stadt. Hier findet sich die zurück­gekehrte Kreativszene, die ihre ­Heimat umgestalten will.

TIPP
357*. Beste Pizzeria der Stadt.

Kallmünz*. Dieses Restaurant ist eine der feinsten ­kulinarischen Adressen der Stadt.

Rossini*. So muss eine Bar sein: ­Neonlicht, schlichtes Design, exzellente Getränke.

Junge Designer machen den Ort zum Shoppingparadies

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Dimitrios Panagiotopoulos in Meran
Bewegt: Der Modedesigner Dimitrios Panagiotopoulos

Mal schauen, sagte sich auch der Mode­designer Dimitrios Panagiotopoulos, als er nach einigen Jahren im Ausland beschloss, von seiner Heimatstadt aus sein Glück zu versuchen. Das Kosmopolitische steckte ihm von Geburt an im Blut. Sein Vater ist Grieche, seine Mutter entstammt einer Meraner Hoteliersfamilie. Auch Pana­giotopoulos hat von Kindheit an die Reisebusse ankommen und abfahren sehe­n. Mit Tracht und Volksmusik konnte der 41-Jährige schon als junger Bub nichts anfangen.

Er sammelte Erfahrungen in London bei Vivian Westwood und in Metzingen bei Hugo Boss. Metzingen! ”Da wurde mir bewusst, dass man auch von der Provinz aus Großes erreichen kann“, sagt Panagioto­poulos. Nach dem Besuch einer Münchner Modeschule hatte er seine eigene Linie ”Dimitri“ gegründet. Sitz des Labels: Mera­n. Ein Modedesigner in der Kleinstad­t. ”Das war nicht leicht am Anfang“, sagt er, ”einige Meranerinnen dachten, ich sei Schneider, und brachten mir Kleider zum Flicken.“

TIPP
Dimitri*. Allein schon der Treppen­aufgang zum Atelier und ­Verkaufsshop des Mode­designers Dimitrios ­Panagiotopoulos am Sandplatz lohnt einen Besuch.

Nachwuchskünstler beleben die Szene

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Tracy Merano in Meran
Bereit: Tracy Merano steht am Anfang ihrer Karriere

Auch Theresa Gutweniger ist Teil dieses jungen Meran. Die Sängerin ist ­zurück aus Los Angeles, wo sie als Tracy Merano einige ihrer selbst komponierten Lieder aufgenommen hat. Sie steht am ­Beginn ihrer Karriere. Weg­gehen? Hierbleiben? Sie zuckt mit den Achseln. ”Mal schauen“, sagt die 23-Jähri­ge unbeschwert.

Schnell hat sich die Kurstadt an die neuen Tonangeber gewöhnt. So wie sie sich immer an das Neue gewöhnt hat – ohne das Alte ganz loszulassen. Die Sonne sinkt und lässt den Himmel golden leuchten. Abends im 357: Ein babylonisches Sprachengewirr aus Deutsch, Italienisch, Süd­tiroler Dialekt und Englisch umhüllt die Szenerie.

Aus dem Ofen dringt Pizzaduft. Mariantonietta Stramandinoli schaut in die Runde, begrüßt die Gäste, empfiehlt das Craftbier einer kleinen norditalieni­schen Brauerei. ”Das hier ist meine Familie“, sagt sie. Und es ist klar, dass sie auch das neue Meran meint. Diese Stadt, die sich von der Biederkeit ihrer Vergangenheit und von der Kaiserin Sissi gelöst hat.

Text: ADAC Reisemagazin/Lenz Koppelstätter. Fotos: ADAC Reisemagazin/Daniel Delang, Fotolia (1)

Diese Reportage ist ursprünglich im ADAC Reisemagazin Südtirol* erschienen. Nutzung mit freundlicher Genehmigung des ADAC Verlags.

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(rmfo)