Kreta: Morgens Skifahren, mittags Strand

17.9.2018

Die griechische Insel Kreta hat viel mehr zu bieten als Meer und Strand. Auf den mehr als 2000 Meter hohen Bergen sind im Winter die südlichsten Skitouren Europas möglich. Plus: Tipps für Anreise, Ausrüstung, Touren

ADAC Reisemagazin 2018 Kreta Skitour
Buchtprüfung: Auf dem Rückweg vom Strand am Libyschen Meer bei Agios Pavlos an der Südküste
  •  Abenteuer Skifahren in den Weißen Bergen der Lefka Ori
  •  Griechische Gastfreundschaft in eisigen Höhen
  •  Après-Ski im erfrischenden Mittelmeer

Auf ins Outdoor-Paradies Kreta

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Tourguide Christos (r.) mit Autor Fabian Herrmann auf dem Weg zum Berg

Los geht unser Abenteuer am Flughafen von Chania im Nordwesten Kretas. Unser Guide Christos Paterakis wartet bereits auf uns, die Sonnenbrille steckt lässig im grau melierten, kurzen Haar des 39-Jährigen. Dass er sie häufig einsetzt, sieht man an den weißen Ringen um seine Augen, die im Gegensatz zu Wangen, Stirn und Nasenrücken nicht von der Sonne gebräunt sind. Er will ­seinen vier deutschen Gästen die Winterseite Kretas zeigen, den Schnee der Lefka Ori, der Weißen Berge.

Noch ist von Winter wenig zu spüren. Auch Ende Februar zeigt das Thermometer laue 16 Grad, die Sonne taucht die felsige Küstenlandschaft in ein warmes Nachmittagslicht.

Bob Dylan sorgt in den Autolautsprechern mit seiner Mundharmonika für beste Frühlingslaune, als Christos seinen blauen Geländewagen in Bewegung setzt. "Macht euch keine Sorgen, das hier ist der Norden. Wenn wir im Süden sind, werdet ihr euch fragen, wie ihr jemals zweifeln konntet", erklärt er zuversichtlich

Aktivurlaub in den Bergen

Kreta ist bei vielen Bergsportlern ein beliebtes Frühjahrs- und Herbstziel. Klettern, Wandern, Mountainbiken sowie Höhlentouren und Canyoning sind in der schroffen Gebirgslandschaft möglich. Aber auch für Skitourengeher bietet die Insel im späten Winter ein Fenster von wenigen Wochen, in denen die Schneefläche im Gebirge dicht genug ist und soweit nach unten reicht, dass sich Touren lohnen.

Allein das Massiv der Weißen Berge zählt gut 50 Gipfel mit mehr als 2000 ­Metern Höhe – und der höchste Berg der Insel, der Psiloritis mit 2456 Metern, ist da noch nicht einmal dabei. Der steht weiter östlich, im Zentrum Kretas. Dass sich ihre Berge auch hervorragend zum Skifahren eignen, ist selbst unter Kretern nicht sonderlich verbreitet. "Auf der ganzen Insel gibt es vielleicht 40 Skitourengeher, zehn davon in Chania", sagt Christos.

Etwa 100 Kilometer schlängelt sich die Straße vorbei an Zitronen- und Olivenbäumen und hinein ins Gebirge, bis es schließlich hinaufgeht nach Anopoli, einem kleinen Bergdorf mit rund 350 Einwohnern und mindestens zehnmal so vielen Ziegen, die hier über die nicht eingezäunten Hänge streunen. 200 Meter hinter "Giannis’ Bäckerei" beziehen wir die Gästezimmer in der Taverne von Kostas Glymenakis und seiner Familie. Wieder ernten wir verwunderte Blicke, als wir „einchecken“ und unsere Ausweise vorlegen wollen. "Das ist Anopoli", sagt Christos lachend, "wir vertrauen auf Gesichter."

 

Bildergalerie: Vom Meer zum Biwak

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Tierisch was los auf den Gipfeln

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Haarscharf: Eine Ziege in einer Kurve auf der Schotterstraße zum Tourstart.

Das opulente Abendessen, das uns die Familie wenig später auftischt, gibt uns Kraft für die kommenden Tage; am großen Tisch spielen graubärtige Griechen Karten. Marc und Kim, das britische Alt-68er-Dauergastpärchen, singen zweistimmig "Jesus On The Mainline" zur ­Gitarre. Manousos, der 21-jährige Jungwirt, schläft irgendwann auf der Couch in der Ecke ein – den Weg zum Kühlschrank findet ohnehin jeder selbst.

Am nächsten Tag kommt es uns gelegen, dass Skitourengehen in Kreta eine Sache für Langschläfer ist. "Vor elf Uhr brauchst du nicht loszugehen", sagt Christos. Tatsächlich hat das weniger mit dem Raki zu tun als mit der Schneestruktur. Das nahe Meer trägt viel Feuchtigkeit ins Gebirge, die in den kalten Winternächten gefriert. Der Wind bläst überdies ständig Neuschnee von den vegetationsarmen Hängen. Zurück bleibt ein harter, eisiger Untergrund, den die Sonne im Laufe des Vormittags erst einmal wieder weich bekommen muss.

Am späten Vormittag rumpeln wir also über die Schotterpiste tiefer ins Gebirge hinein. Gekonnt umkurvt Christos Schlaglöcher, lose Felsbrocken und Ziegen, während wir uns in zahllosen Serpentinen ­hochschrauben. Eine Stunde geht das so, bis sich die ersten Schneefelder unter das Braungrau der Steine mischen. Als es zu viele werden zum Weiterfahren, parkt Christos den Wagen auf etwa 1600 Metern Höhe am Straßenrand.

Auf dem kargen kretischen Fels ziehen wir die Felle auf die Skier und steigen in die Skistiefel. Christos hat Psarandonis aufgelegt, den Lyra-Virtuosen mit der tiefen Stimme, den sie auf Kreta so lieben, hinter uns glänzen die Wellen des Libyschen Meeres in der Sonne, vor uns der frische Schnee auf den 2000ern der Lefka Ori. Unser Ziel ist das Biwak Katsiveli im Zentrum des Gebirgsmassivs

Schneewüste statt überfüllter Piste

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Hanglage: Die Katsiveli-­Hütte in einem kurzen sonnigen Moment

Wir folgen dem Fahrweg der Schaf- und Ziegenhirten weiter hinein ins Gebirge, mit jedem Höhenmeter wird es weißer, bis wir auf der Hochebene Amoutsera endgültig in die menschenleere Schneewüste der Weißen Berge eintauchen.

Die geschlossene Schneedecke umhüllt die zahlreichen Gipfel rundherum. "In den Lefka Ori fühlst du dich richtig allein – keine Lichter der Stadt, keine Geräusche von dort", hat Christos schon zuvor ­geschwärmt. Er hatte recht. Nach etwa zwei Stunden endet am Hochtal von Rousies der Weg der Hirten und mit ihm das schöne Wetter. Auch davor hatte Christos schon gewarnt: "Der Psiloritis ist einfach. Da gibt es einen Gipfel, den gehst du hoch, fährst runter, fertig. Hier ist es richtig alpin. Da brauchst du einen Kompass. Es kann umgehend neblig werden, und dann verlierst du die Orientierung."

Tatsächlich zieht der Nebel schnell über die Bergkuppen. Statt über die Gipfel zu steigen und auf der anderen Seite abzufahren, müssen wir wegen der schlechten Sicht die Sicherheitsvariante wählen und die Hänge auf direktem Weg queren. Ohne Harscheisen geht es nicht weiter. Sie geben uns Halt auf den steilen, eisigen Schrägen, trotzdem erfordert ab hier jeder Schritt absolute Konzentration. Mal rechts, mal links herum geht es um die Gipfel von Sternes, Bournelos und Modaki, bis nach weiteren drei Stunden endlich die kleine Steinhütte auf einem Felsvorsprung an der Westflanke des Svourichti auftaucht.

Hüttenzauber auf griechische Art

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­Aufwärmen mit kretischem Bergtee: Die Skitour-Truppe in einer Hütte  

Bei einer Tasse Malotira, dem Bergtee, den sie überall im kretischen Bergland im Hochsommer schneiden und für den Winter trocknen, wärmen wir uns wieder auf und gönnen den schmerzenden Füßen und Armen etwas Ruhe. Das Biwak, das der Greek Mountaineering Club of Chania, einer der größten und ältesten Bergvereine Griechenlands, hier unterhält, ist eher eine gemütliche Hütte als ein Notunterschlupf. Rund 25 Menschen können hier schlafen, Decken gibt es genug, Gas sorgt für Licht und eine Kochmöglichkeit.

Das Abendessen ist nun weniger üppig, schmeckt aber nach einem anstrengenden Tag im Schnee nicht weniger gut. Christos hat Spaghetti Bolognese dabei, vorgekocht auf seiner Hütte Kallergi. Die betreibt er im Winter und empfängt dort, im Westen der Lefka Ori, samstags und sonntags Gäste.

Früher hat Christos als Journalist für ein Motorradmagazin in Athen gearbeitet. Die Stadt sei ihm zu hektisch und zu dreckig gewesen, zudem war die wirtschaftliche Lage in der Finanzkrise schlecht. Also kam er vor acht Jahren zurück auf seine Heimatinsel, pachtete für den Winter die Hütte und gründete sein Wanderunternehmen Hiking Creta. Mittlerweile ist ein Segelboot dazugekommen, mit dem er im Sommer Gäste die kretische Küste entlangfährt. Was folgt als Nächstes? Motorradtouren in den Lefka Ori? "Nein", sagt er und schüttelt den Kopf, "Motorradfahren in den Bergen ist nicht mit meiner Philosophie vereinbar."

Das Abendessen hat satt gemacht, aber Christos hadert. Ob wir genug Spaß hätten, will er wissen. Er hätte uns gern mehr Abfahrten geboten, aber wegen des schlechten Wetters sei das nicht möglich. "Die Weißen Berge sind nichts für Anfänger. Hier ist es steil, eisig, es gibt viele Querungen", sagt er. Viele verstünden das nicht. "Ich bekomme immer wieder Anfragen von Skitourengehern, die denken, sie könnten das schon. Und dann stehen sie am Berg, bekommen Angst, und wir müssen bei der ersten Steigung umdrehen."

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Das müssen Sie wissen!

Anreise

Wer in die Lefka Ori will, in die ­Weißen Berge, fliegt am besten nach Chania. Dorthin gibt es im Winter allerdings kaum Direktverbindungen. Die Flüge über Athen sind zeitlich gut angebunden, aber die unterschiedlichen Sperrgepäcksregelungen können beim Fliegen mit Skiern etwas verwirrend sein.

Es kann zum Beispiel vorkommen, dass bei einer Buchung über Lufthansa der Skisack beim Hinflug kostenlos mitfliegt, beim Rückflug aber 50 € pro Skisack anfallen, wenn der Check-in über den regionalen Kooperationspartner läuft und nicht über Lufthansa. Wer Zusatzkosten ver­meiden will, sollte sich vorher genau informieren und ­möglichst kompakt packen. Hier finden Sie Infos der Lufthansa über Sperrgepäck*.

Skitourenanbieter auf Kreta

Hiking Crete. Zu fairen Preisen führt Christos Paterakis sommers wie winters Gäste durch die Berge und vermittelt dabei einen umfassenden Eindruck von der Region und ihren Menschen.
Weitere Infos: Hiking Creta*

Andis Skitourenreisen. Wer von Deutschland oder Österreich aus ein Komplettpaket buchen möchte, kann sich an Andis Skitourenreisen wenden. Der Tegernseer Andi Serafim und der Wiener Andi Misar bieten gemeinsam geführte, achttägige ­Skitouren im Ida-Gebirge und den Lefka Ori an. Die Reisen finden Anfang März statt und kosten ca. 1690 €.
Mehr Infos gibt es auf der Website von Andis Skitouren*

Skifahren mit Mittelmeerblick

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Abgefahren: Skilaufen mit Blick auf das Mittelmeer

Am nächsten Morgen sieht es kurz nach einem freundlicheren Tag aus. Das währt jedoch nur zehn Minuten. Dann kehrt der Nebel zurück, allerdings in Verbindung mit einem Sturm. Der Wind, den hier oben wenig bremst, reißt den harten Schnee in Platten vom Boden. Immer wieder zwingt er uns, stehen zu bleiben und geduckt die nächste Böe abzuwarten, um nicht vom Hang gefegt zu werden.

Unangenehm, zumal auch noch Christos’ GPS streikt. Ab und an bricht für wenige Minuten die Sonne durch die Wolkendecke und zeigt, wie schön die Weißen Berge sein können. Zum Genießen bleibt aber wenig Zeit, Christos nutzt die kurzen Sichtfenster zur Orientierung und drückt aufs Tempo. Er lässt es sich kaum anmerken, aber die Lage scheint ihn etwas nervös zu machen. "Ich kann die Strecke mit verbundenen Augen gehen, aber wenn das Wetter so ist, weiß man nie genau, was noch alles kommt", sagt er.

Gerade als wir uns durch etliche Traversen nach Rousies zurückgestochert haben, von wo es bis zurück zum Auto nur noch bergab geht, beschließt das Wetter, dass wir nach drei Stunden Nebel, Wind und Eispartikel-Peeling im Gesicht nun doch genug gekämpft haben.

Wolken und Nebel bleiben an den West- und Nordflanken hängen, der Himmel reißt auf und gibt den Blick auf die umliegenden Gipfel frei. So bleibt sogar noch Zeit für einen Abstecher auf den Kakovoli. Durch den unberührten, aufgeweichten Firnschnee schwingen wir in der Nachmittagssonne ab, die weißen Schaumkronen des Mittelmeeres im Blick, während über dem Trocharis gegenüber bereits der Mond steht.

Apres Ski mit Abkühlung

Nach einer ausgiebigen Wiedersehensfeier in der Taverne Anopoli schreit der folgende Tag nach einem kleinen Kontrastprogramm. In der Nähe von Agios Ioannis steigen wir die Felshänge zum türkisblau leuchtenden Meer hinab. Mit jeder Serpen­tine wird es wärmer, das Meer lauter, es riecht nach Pinien, über der nahen Aradenaschlucht kreisen die Gänsegeier. Bei milden 17 Grad stecken wir die Füße in die Brandung. "Gestern um diese Zeit wart ihr noch in zehn Kilometern Luftlinie von hier im Eis", sagt Christos und grinst.

Am nächsten Morgen fährt uns Manousos zurück nach Chania. Weil das Auto ein Problem mit der Einspritzpumpe hat und wir unterwegs eine halbstündige Pause einlegen, bis Onkel Nikos mit dem Ersatzauto da ist, will er den zuvor vereinbarten Geldbetrag nicht haben. Widerstand zwecklos. Es müsse Prinzipien geben, sagt er mit einem durchdringend freundlichen Blick, der keinen Protest zulässt.

Muss man zum Skitourengehen nun nach Kreta fliegen, wenn man an den Alpen wohnt? Das haben wir uns vor der Reise gefragt. Es ist wohl die Mischung, die es ausmacht. Die Verbindung aus Meer, Grün und warmem Frühling unten und Eis, Wind und Fels oben. Die Kombination aus einfachem Bergleben und prall gefüllten Tischen, aus feindseligem Gebirgswetter und überbordender Gastfreundschaft. Es sind diese Gegensätze, die sich zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Und deshalb lautet die Antwort: Ja, vielleicht – irgendwie unbedingt.

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Kaltstart: Das Wasser des Libyschen Meeres bei Agios Ioannis ist im Winter noch sehr frisch

Text: Fabian Herrmann. Fotos: ADAC Reisemagazin/Jonas Nefzger.

Dieser Beitrag ist ursprünglich im ADAC Reisemagazin Kreta* erschienen. Nutzung mit freundlicher Genehmigung der ADAC Medien und Reise GmbH.

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(rmfo)