Kennzeichen-Serie: C – Chemnitz. Industrielles Erbe und Jugendstil-Flair

22.6.2018

Chemnitz lässt viele Menschen zuerst an Karl Marx denken. Die sächsische Stadt, die einst den Namen des Philosophen trug, hat aber mehr als sozialistische Relikte zu bieten: Parks, Gründerzeitvillen, spannende Museen und einen fast 300 Millionen Jahre alten Wald

Das Kennzeichen von Chemnitz

Karl Marx und Roter Turm

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Chemnitz Karl Marz Monument
Kopfsache: Der "Nischel" ist ein beliebter Treffpunkt im Stadtzentrum

Er ist das berühmteste Wahrzeichen der Stadt: Der "Nischel". So nennen die Chemnitzer den überdimensionalen Karl-Marx-Kopf im Stadtzentrum an der Brückenstraße. "Nischel" ist Mitteldeutsch und bedeutet Schädel, Kopf. Enthüllt 1971, als Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt hieß, gehört der 7,10 Meter hohe und ca. 40.000 Tonnen schwere Bronzekopf bis heute zu den größten Porträtbüsten der Welt.

Nach der Wende gab es Überlegungen, das Denkmal abzureißen oder zu verkaufen – Köln etwa meldete Interesse an. Aber der "Nischel" blieb. 2018 feiert Chemnitz nicht nur 875. Stadtjubiläum*, sondern auch den 200. Geburtstag des kommunistischen Vordenkers, der die Industriemetropole selbst nie betreten hat.

Das weitaus ältere Wahrzeichen findet sich nur Minuten entfernt: Der Rote Turm stammt aus dem 12. Jahrhundert, diente u.a. als Wohnturm, Gerichtssitz und Gefängnis – und hat sogar Produktdesigner inspiriert: Die Flasche des Geschirrspülmittels "fit", das einst in der VEB Fettchemie Karl-Marx-Stadt entwickelt wurde, ist dem Roten Turm nachempfunden.

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Steckbrief: Chemnitz

Einwohnerzahl: 247.287
Bundesland: Sachsen
Besucher pro Jahr: 507.327 Übernachtungen
Sprache: Chemnitzerisch und Hochdeutsch
Berühmter Sohn: Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976), Maler
Tourist-Info*:  Markt 1, 09111 Chemnitz
ADAC Extra: TourSet-Info für Chemnitz

Gründerzeitviertel Kaßberg: Die Pracht des Jugendstils

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Chemnitz Stadteil Kassberg
Altbaucharme: Der Kaßberg ist eines der größten Gründerzeitviertel Europas

Auch wenn Chemnitz zu DDR-Zeiten als "sozialistische Musterstadt" galt, gibt es hier mehr als Plattenbauten zu entdecken. Westlich des Stadtzentrums etwa ist das architektonische Erbe der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert reichsten Stadt Deutschlands konserviert: Der Kaßberg zählt zu den größten zusammenhängenden Gründerzeitvierteln Europas und ist als Flächendenkmal geschützt.

Hier lässt es sich herrlich flanieren – vorbei an Bürgerhäusern und Villen des Jugendstils, des Historismus und der Neuen Sachlichkeit. Charmante Cafés und Weinstuben bieten sich für eine Pause an, kleine Geschäfte verlocken zum Stöbern. Die Stadt organisiert auch spezielle Rundgänge* durchs Viertel – für alle, die mehr über die spannende Geschichte des Stadtteils und seine Bewohner wissen wollen.

Industriemuseum: Maschinen des Wohlstands

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Chemnitz
Zeitreise: Dampfmaschine von 1896 im Chemnitzer Industriemuseum

In der ehemaligen Gießerei Escher an der Zwickaustraße, dem heutigen Industriemuseum*, wird auf mehr als 4500 Quadratmetern Ausstellungsfläche die Geschichte der heimischen Industrie und Wirtschaft erzählt. Bedeutende Firmen wie die Wanderer-Werke AG, später Teil von Auto Union, hatten in Chemnitz ihren Sitz. 1877 trat hier das deutsche Patentgesetz in Kraft – schließlich kamen damals überdurchschnittlich viele Erfindungen aus Chemnitz. Der mechanische Webstuhl, die Thermoskanne oder auch das erste Feinwaschmittel der Welt wurden im "sächsischen Manchester" ersonnen.

Zahlreiche Artefakte machen die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt von der Industrialisierung bis in die Gegenwart nachvollziehbar. Zu sehen sind beispielsweise Textilmaschinen, eine historische Transmissionswerkstatt sowie eine Schweißroboteranlage, die bis 2012 bei der Volkswagen Sachsen GmbH Zwickau im Einsatz war. Fahrzeuge der legendären Automobilmarke DKW spiegeln den Geschmack und Zeitgeist des beginnenden 20. Jahrhunderts wider. Eindrucksvoll ist auch die Dampfmaschine der Chemnitzer Maschinenfabrik Germania von 1896, die mehrmals im Jahr öffentlich vorgeführt wird.

Sauerbraten, Würzfleisch und Co: Sächsisches Dinner

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Chemnitz Sauerbrauten
Tischkultur: Sächsischer Sauerbraten mit Kartoffelklößen und Apfelrotkohl

Deftige Hausmannskost kommt traditionell auf den Tisch: Schwere Soßen, Klöße, Wellfleisch, Rouladen, Eisbein oder auch Sauerkraut. Ein Klassiker der Region ist der Sächsische Sauerbraten, serviert mit Kartoffelklößen und Rotkohl.

Auch Würzfleisch vom Schwein oder Huhn, ein berühmtes DDR-Gericht, findet sich auf den Speisekarten der Stadt. Erdacht wurde es ursprünglich als Ragout-fin-Ersatz, da Kalbsfleisch teuer und schwer erhältlich war. Mit Käse überbacken wird es original mit Toast, oft aber auch mit Baguette serviert. Sächsische Köstlichkeiten kann man beispielsweise im Chemnitzer Ratskeller* probieren. Schon wegen den historischen Gewölben, den prächtigen Wand- und Deckenfresken ist das Lokal am Markt 1 einen Besuch wert.

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Kennzeichen-Serie: BT – Bayreuth. Die Hauptstadt Oberfrankens

Aufmacher Kennzeichen BayreuthWer Richard Wagner liebt, kennt natürlich das Zentrum Oberfrankens. Aber die Stadt hat mehr zu bieten als das Festspielhaus. In unserer Kfz-Nummernschild-Serie stellen wir Bayreuth vor und geben Tipps und Infos zu Sightseeing, Freizeit-Aktivitäten, Restaurants und Unternehmungen.

Mehr Infos & Tipps für Bayreuth

Grüne Oasen: Parks und Gärten in Chemnitz

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Chemnitz der Schloßsee
Wellnesslandschaft: Der Schlossteich im Herzen von Chemnitz

Trotz aller Industrie hat Chemnitz wunderbar grüne Ecken. Nördlich des Theaterplatzes etwa liegt der Schlossteich, ein kleines Idyll mit Paddelbooten, Enten, Schwänen und einem Café direkt am Wasser*.

Die größte Parkanlage ist der Küchwald. Hier kommen die Chemnitzer zum Spazierengehen, Joggen und Slacklinen her. Vom Bahnhof Küchwaldwiese aus startet außerdem die Parkeisenbahn*, eine kleine Schmalspurbahn mit 2,3 Kilometer langem Rundkurs. Und im Kosmonautenzentrum "Sigmund Jähn"*, dank seiner 36 Meter hohen Rakete schon aus der Ferne sichtbar, können Besucher an einem simulierten Flug ins All teilnehmen oder bei verschiedenen Raumfahrertests die körperliche Fitness überprüfen. Auch der originale Raumfahrthelm von Sigmund Jähn, der 1978 als erster Deutscher im All war, ist hier ausgestellt.

Kulturkaufhaus Tietz: Steinerne Bäume, Insekten & Kunst

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Chemnitz das Tietz Ausstellung versteinerter Wald
Naturdenkmal: Versteinerter Wald im Lichthof des Kulturkaufhauses Tietz

Mitten in der Innenstadt steht ein Wald, der ca. 290 Millionen Jahre alt ist: Der "Versteinerte Wald" im Lichthof des Kulturkaufhauses Tietz* ist ein Überbleibsel des riesigen tropischen Regenwalds, der einst in Sachsen wuchs. Durch einen Vulkanausbruch wurden die Pflanzen unter einer dicken Ascheschicht begraben und versteinerten. Vor rund 300 Jahren fanden Chemnitzer die ersten verkieselten Hölzer im Boden ihrer Stadt – eine Sensation.

Die versteinerten Baumstämme gehören zum Naturkundemuseum, das sich in der ersten Etage des Tietz befindet. Hier können Besucher u.a. lebende Insekten beobachten, etwa Honigbienen im gläsernen Bienenstock, Blattschneiderameisen, Schmetterlinge, Vogelspinnen oder Krebse. Und auch Kunstliebhaber sind in dem früheren Warenhaus des Familienunternehmens Tietz richtig: Die ebenfalls hier ansässige Neue Sächsische Galerie zeigt sächsische Kunst nach 1945.

Text: Kati Thielitz. Fotos: Sven Gleisberg, fotolia (4), Daniela Schleich.

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