Jena: Hier liegt das Paradies

12.10.2018

Die zweitgrößte Stadt Thüringens steht für beeindruckende Geschichte und einen quicklebendigen, jungen Alltag. Wir geben Tipps für einen Tag in der Lichterstadt: Sehenswürdigkeiten, Kneipen und Ausflüge rund um die Saale.

ADAC Kennzeichenserie Jena

Kirchturm und Hightech-Tower

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Der Jentower in Jena
Der Jentower

Wenn man der B7 in Richtung Stadtzentrum folgt, hat man sie irgendwann beide im Blick: die zwei markantesten Türme Jenas, die ganz unterschiedliche Facetten der Stadt wiedergeben. Da zeigt sich zunächst der 75 Meter hohe, haubengekrönte Turm der geschichtsträchtigen Kirche St. Michael*. Dahinter schiebt sich, fast doppelt so hoch, rund geformt und gläsern glänzend, der Jentower in die Silhouette. Das einstige Vorzeigemodell urbaner DDR-Baukunst wird heute unter anderem von einem E-Commerce-Entwickler genutzt – und symbolisiert damit perfekt den Forschungs- und Technologiestandort.

Historische Zeugnisse auf der einen, wissenschaftliche und akademische Impulse (und damit eng verbunden: studentisches Highlife) auf der anderen Seite – das sind die beiden Pole, die Jenas Spannungsfeld ausmachen. Und weil die unablässig wachsende Stadt vollständig von Muschelkalkhängen, den sogenannten Kernbergen umgeben ist, sich also nicht unbegrenzt ausbreiten kann, vermischen sich in nahezu jedem Viertel das Gestern und Heute, Alt und Jung, Geschichte und Genuss. Für einen abwechslungsreichen Streifzug natürlich ideal!

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Steckbrief: Jena

Einwohnerzahl: 108.321 (Stand: Oktober 2018)
Bundesland: Thüringen
Sprache: Thüringisch
Besucher pro Jahr: 337.004 Übernachtungen (2017)
Berühmte Persönlichkeiten: Sahra Wagenknecht, Bernd Schneider, Kurt Held
Fun Fact: Die "Jenaer Regeln", erlassen am 1.1.1896, sind das bekannteste deutsche Regelwerk für das Fußballspiel. In ihnen wurde u.a. festgelegt, dass die Spielfläche frei von Bäumen und Sträuchern sein muss – was auf den üppig bewachsenen Wiesen der Oberaue zuvor nicht der Fall gewesen war. Hier trägt heute FC Carl Zeiss Jena, der bekannteste Fußballclub der Stadt, immer noch seine Spiele aus – in der 3. Liga.  
Tourist-Info*: Markt 16, 07743 Jena

Bummeln, Kaufen, Schauen: Der Markplatz

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Der Wochenmarkt in Jena
Der Marktplatz in Jena

Jenas pulsierendes Zentrum ist seit vielen Jahrhunderten der Marktplatz. Schon vor über 800 Jahren begannen Bauer und Gärtner aus der Umgebung, hier ihre Erzeugnisse anzubieten; heute werden am sogenannten Grünen Markt* an vier Tagen in der Woche ( Di., Do., Fr., Sa.) Obst, Gemüse, Blumen und andere regionale Produkte verkauft. Doch auch außerhalb der Marktzeiten bietet Jenas ”gute Stube", die mit einer Fläche von über 5000 Quadratmetern zu den größten Marktplätzen Thüringens zählt, jede Menge zum Schauen und Staunen.

Erster Hingucker: das Hanfried-Denkmal in der Mitte des Platzes. Die überlebensgroße Bronzefigur, 1858 vom Berliner Bildhauer Johann Friedrich Drake geschaffen, stellt den Begründer der Jenaer Universität dar. Fürst Johann Friedrich der Großmütige, "Hanfried" genannt, posiert mit Schwert, Lutherbibel und, natürlich, Amtskette sowie -robe eines Akademiedirektors.

Strahlkraft wie Spitzname des Fürsten sind immer noch aktuell: Sein Konterfei prangt auf dem Logo der Friedrich-Schiller-Universität; er dient einem Restaurant* am Markt als Namenspatron sowie den American-Football-Oberligisten "AFV Jenaer Hanfrieds", die auf ihrer Homepage augenzwinkernd eine geschichtliche Auslassung zurechtrücken: Ursprünglich habe Drake seiner Skulptur einen Football in die linke Hand gegeben, der erst später durch eine Bibel ersetzt worden sei...

Das wohl beeindruckendste Gebäude am Markt ist das Rathaus. Zwischen 1377 und 1380 errichtet, gehört es zu den ältesten erhaltenen Rathausbauten in Deutschland. Seine Architektur zeigt, wieviel mehr städtisches Leben als "nur" Verwaltung früher hier stattfand: Das gesamte Untergeschoss diente einst dem Handel; im Bogengang hatten Bäcker, Fleischer und Textilhändler ihre Stände. Wer das historische Flair bei einem Kaffee oder Thüringer Spezialitäten (besonders empfehlenswert im Herbst: die Wildgerichte) genießen will, kehrt in die Gaststätte "Ratszeise"* im Erdgeschoss ein.

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Von AUR bis ZP: Unsere große Kfz-Kennzeichen-Serie 

Verschiedene deutsche Autokennzeichen

Mehr als 700 Kennzeichen gibt es in Deutschland. In unserer Serie nehmen wir Sie mit auf eine Reise durch die Republik: von AUR wie Aurich bis ZP wie Zschopau. Wir präsentieren kleine und große Städte, die man oft nur vom Nummerschild-Raten kennt und geben Tipps für einen schönen Tag vor Ort.

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Die sieben Jena-Wunder

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Das Stadtmuseum in Jena
Das Stadtmuseum am Marktplatz

Aus dem Jahr 1755 stammt der barocke Mittelturm, der, sorry Hanfried, zu jeder vollen Stunde alle Blicke bannt: Beim zwölften Glockenschlag setzt sich ein Räderwerk in Bewegung und die Figur des Schnapphans versucht vergeblich, eine goldene Kugel, die einen Thüringer Kloß symbolisiert, zu schlucken. Sollte ihm das irgendwann einmal tatsächlich gelingen, hätte dies nicht weniger als den Weltuntergang zur Folge – behaupten alteingesessene Jenenser (nicht zu verwechseln mit Jenaern, so heißen die Zugezogenen).

Es muss ähnlich großes Denken gewesen sein, als man dem Schnapphans und sechs weiteren Attraktivitäten ein eher in globalen Zusammenhängen bekanntes Etikett verpasste: Zu den "Sieben Wundern Jenas"* zählen neben dem glücklosen Kloßfänger u.a. die Unterführung unter dem Altar von St. Michael, der siebenköpfige Drache "Draco", die mittelalterliche Camsdorfer Steinbogenbrücke, der Jenzig-Berg sowie das Ausflugsziel Fuchsturm. Mehr darüber gibt's im Stadtmuseum "Göhre"*, das sich mit einer Kunstgalerie in den Fachwerkhäusern "Alte Göhre" und "Neue Göhre" befindet.

Nicht Fachwerk-Kunst, sondern Farb-Flashs bietet ein weiteres Ensemble am Marktplatz: Ende der 1990er Jahre wurde neben dem Rathaus ein Geschäfts- und Wohnkomplex in strahlendem Rot, Blau, Grün und Gelb errichtet – oder, wie die Einheimischen kurz sagen, das "Papageienhaus". Auch dem Stadtspeicher mit Ursprüngen aus dem späten 13. Jahrhundert wurde eine spektakuläre Fassade vorgesetzt. Ein Hologramm mit Licht- und Spiegeleffekten sorgt draußen für Installations-Charakter; innen beherbergt das ehemalige Kontor-Gebäude heute den Kunstverein und die Tourist-Information.

Hier erfährt man, was gerade auf dem Kultur-Kalender* steht (von der Jazzmeile Thüringen 2018 über den Weihnachtsmarkt bis zur Kulturarena). Von hier starten auch besondere Besichtigungstouren, z.B. die Kostümführung* "Galgen, Gassen und Ganoven" – ein abendlicher Ausflug in die mittelalterlichen Gässchen der Innenstadt mit ihren schummrigen Ecken und dunklen Anekdoten.

Auf den Spuren von Luther, Goethe und Schiller

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Botanischer Garten in Jena
Der Botanische Garten

Wer bei Tageslicht und auf eigene Faust unterwegs ist, kann sich jetzt dem Bismarckbrunnen an der Südseite des Marktplatzes widmen – und anschließend noch größeren Namen. Luther, Goethe, Schiller: Mit diesem Dreiklang schmückt sich Jena, und lädt dazu ein, auf den Spuren dieser Freigeister zu wandeln.

Da ist die spätgotische Stadtkirche St. Michael, die in keiner Luther-Biografie fehlt. 1486 hatte man mit dem Bau der imposanten Hallenkirche begonnen; erst 1556 wurde der achteckige Turm mit seiner Renaissancehaube fertiggestellt. Von der mit Rankenornamenten geschmückten Kanzel hat Martin Luther, der zwischen 1522 und 1537 mindestens elf Mal in Jena weilte, mehrfach gepredigt.

In der Kirche ist auch ist die original bronzene Grabplatte mit Bibel und Lutherrose angebracht. Weitere Erinnerungen an den Reformer finden sich z.B. in dem ehemaligen Karmeliterkloster am Theatervorplatz und im Stadtmuseum. Eine kulinarische Hommage bietet das Hotel "Schwarzer Bär"*, in dem Luther oft genächtigt hatte – unter dem Motto "Speisen wie zu Luthers Zeiten" wird hier ein Vier-Gänge-Menü u.a. mit Ochsenbrühe, Perlhuhnbrust und Waldbeeren aufgetischt.

Zählen Jena-Chronisten bei Luther die Einzelbesuche auf, errechnen sie bei Johann Wolfgang von Goethe gern die von ihm insgesamt verbrachte Zeit an der Saale: über fünf Jahre. Das Universal-Genie hat das akademische und naturwissenschaftliche Profil der Stadt unverwechselbar geprägt. So entstand unter seinem Einfluss u.a. ab 1794 der Botanische Garten*.

Während der Dichterfürst anfangs das Jenaer Schloss bevorzugte (das 1905 dem Neubau des Universitäts-Hauptgebäudes weichen musste), quartierte er sich später oft im "Gasthaus Grüne Tanne"* ein. Das am idyllischen Saale-Ufer gelegene Haus wird heute wieder als Restaurant geführt – Schwerpunkt: regionale Küche; Tipp für Weinliebhaber: die Verkostung örtlicher Tropfen, jeden Donnerstag ab 17 Uhr.

Zehn Jahre, von 1789 bis '99, lehrte Professor Friedrich von Schiller Philosophie an der Jenaer Universität. Von den fünf Häusern, die er in dieser Zeit bewohnte, ist nur noch sein Gartenhäuschen*, in dem er seinen Freund Goethe oft zu Gast hatte, als öffentlicher und nahezu unveränderter Erinnerungsort erhalten. Wohnhaus, Küchenhäuschen und Gartenzinne können besichtigt werden. In Wenigenjena im Osten der Stadt steht die Kirche "Unserer lieben Frau", in der Schiller am 22. Februar 1790 Charlotte von Lengefeld das Ja-Wort gab.

Pauken und Party: Jenas junge Szene

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Die Wagnergasse in Jena
Die Ausgehmeile der Stadt: Die Wagnergasse

Permanent präsent ist der Name Schillers natürlich durch die Bildungseinrichtung, die seit 1934 nach ihm heißt: Mit rund 20.000 Studierenden, zehn Fakultäten und einer bis ins Jahr 1558 zurückreichenden Geschichte ist die Friedrich-Schiller-Universität die größte und älteste Hochschule des Bundeslandes. Zählt man die rund 4500 Studierenden der Ernst-Abbe-Hochschule hinzu, wird klar, warum Jena nach Münster zum zweitbeliebtesten Studienstandort in Deutschland gewählt wurde: Studenten stellen hier fast 25 Prozent der Bevölkerung, die Stadt ist jung, lebendig und – trotz inzwischen auch hier steigender Mieten – auch für knappere Budgets erschwinglich.

Davon kann man sich bei einem Ausflug in Jenas Kneipenmeile überzeugen: In der Wagnergasse, ihren Nachbarstraßen und am Johannisplatz werben über zanzig Bars, Restaurants, Clubs und Cafés um junges Publikum. So gibt es im urgemütlichen "Café Stilbruch"* das Frühstück bereits ab vier Euro, im "Café Immergrün"* werden neben günstigen Speisen Brettspiele zum kostenlosen Ausleihen angeboten.

Vor dem Büdchen des "Fritz-Mitte"-Delis* bildet sich oft eine lange Schlange. Der Lange-Nacht-Klassiker Currywurst mit Pommes wird hier mit kreativen Mayonnaisen, z.B. Trüffel- oder Parmesan-Rosmarin-Mayo, verfeinert. Entsprechend gestärkt lässt sich's ausgehen – zum Beispiel in den Rosenkeller*, eine Jenaer Institution, in der nicht nur Erstsemester feiern.

Etwas weiter entfernt gelegen, aber ebenfalls zentrale Anlaufstelle für alle Musik- und Kulturbegeisterten ist das "Kassa Blanca"*, dessen Programm Konzerte, Malerei, Performances in Kooperationen mit dem Stadttheater u.v.m. auflistet. Dass übrigens Studenten aller Jahrgänge bei ihren Unternehmungen den direkten Weg durchs Johannistor vermeiden, liegt an einem hartnäckigen Aberglauben: Wer unter dem Spitzbogen von Jenas einzigem noch erhaltenen Stadttor durchgeht, heißt es, falle durch die nächste Prüfung…

Im ältesten Planetarium der Welt

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Das Zeissplanetarium in Jena
Das Planetarium

Doch es ist eher der klare Blick für die Realitäten, dem Jena seinen Weltruhm verdankt: Optik- und Technologiefirmen wie Zeiss, Schott und Jenoptik haben die Stadt schon früh weit über Thüringen hinaus bekannt gemacht und sind bis heute wissenschaftliche Impulsgeber.

Eine echte "Schau" verspricht zum Beispiel das Zeiss-Planetarium* mit "dem besten Sternenhimmel nach der Natur, 360°-Kuppelprojektionen und 64-Kanal-Surrounding". Nach dem Erfinder Walther Bauersfeld wurde das benachbarte Café* benannt. Die Entwicklung der Planetariumstechnik, aber auch die der Augendiagnostik und -heilkunde werden im Optischen Museum* dargestellt. In weiteren Abteilungen sind z.B. Brillen, Mikroskope, Ferngläser und Kameras zu sehen.

Ein Symbol für und eine Hommage an die technologische Tradition der Stadt ist der Jentower, der Turm in Form eines Fernrohrs oder auch einer Keksrolle, wie sein Spitzname lautet. Das mit 120 Metern zweithöchste Hotel* Deutschlands mit Gourmet-Restaurant lädt zum längeren Verweilen ein; wer nur die Aussicht genießen möchte, kann dies von den beiden auf 128 Meter Höhe gelegenen Plattformen* tun (3,50 Euro pro Person, Kinder bis 10 Jahre kostenfrei). Von hier sieht man nicht nur Zentrum und Randbezirke der Stadt, sondern auch viel, viel Grün – vielleicht Inspiration für einen Ausflug in die Natur.

Nächster ICE-Halt: Paradies

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Aussicht über Jena
Auf dem Rundwanderweg Saalehorizontale

Der nächste – und für viele auch beste – Platz, an Wiesen und Ufern zu relaxen oder Sport zu treiben, ist das Paradies. Gemeinsam mit den angrenzenden Arealen bildet es den Volkspark Oberaue – ein Naturschutzgebiet, das als Kulturdenkmal unter Denkmalschutz steht. Open-Air-Treffs wie "Strand 22"* laden bei gutem Wetter zum Chillen ein; im zum Hotel Rasenmühle gehörenden "Salü"* oder im "Paradiescafé"* kann man rund ums Jahr einkehren. Wer mit der Bahn in Jena eingetroffen ist, kennt das "Paradies" möglicherweise bereits, ohne den Park betreten zu haben: Eine ICE-Station ist nach der Grünanlage benannt.

Am südöstlichen Stadtrand, in Drackendorf, liegt der nur knapp drei Hektar große Goethe-Park, einst nach Plänen vom Namensgeber als kleiner englischer Landschaftsgarten angelegt. Den Spaziergang kann man mit einer Einkehr in der Landgaststätte Drackendorf* oder einem Besuch der Jenaer Senfmanufaktur* Drackendorf-Center krönen.

Über das Wandern im Jenaer Forst rund um den Bismarckturm informiert die Seite des Vereins "Berggesellschaft Forsthaus e.V." Ein Highlight der Extraklasse ist die Saalehorizontale*: Dieser Rundwanderweg führt 72 Kilometer entlang der Kernberge zu beiden Seiten der Saale zwischen Jena und Dornburg. Auf schmalen Pfaden zieht sich der Weg durch steile Muschelkalkhänge und bietet Aussicht auf das Mittlere Saaletal, Dörfer, Burgen und Schlösser.

Weinberge sind ebenso zu bewundern wie – zur richtigen Jahreszeit – seltene Orchideenarten, Streuobstwiesen und bunt blühende Gärten. Dass Jenas Umgebung auch die Toskana Thüringens genannt wird, überrascht angesichts dieser Ausblicke niemanden. Man ist ja schließlich im Paradies.

Text: Carolin Schuhler. Fotos: JenaKultur/C. Häcker (4), A. Hub (3).

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