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Abenteuer Arktis: Unterwegs auf der berühmtesten Eisstraße Kanadas

5.1.2018

Ende einer Legende: Eine der spektakulären Ice Roads in den Northwest Territories Kanadas wird durch eine ganzjährig befahrbare Piste ersetzt. Wir sind mit einem Mercedes GLE zu einer letzten Tour auf der Winter Road von Inuvik über den Mackenzie-Fluss und die Beaufortsee nach Tuktoyaktuk am Nordpolarmeer aufgebrochen

Bis zu 70 km/h schnell donnern die Trucks über die Eisstraße

Vancouver ist 4000 Kilometer entfernt

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Die Winter und Ice Roads sind offizieller Bestandteil des Highway-Systems

Spiegelglattes Eis, wohin man schaut, Schneeflocken wehen darüber. Der Wind peitscht seitlich gegen das Auto, drückt unseren Mercedes GLE immer mehr Richtung Mittellinie. Das Fahren auf dieser Eisstraße ist nicht nur kompliziert, sondern auch gefährlich. Unter den Reifen liegen 80 Zentimeter bis 1,5 Meter dickes Eis. Kracht es, sinken wir bis zu 1100 Meter durch tiefe Dunkelheit auf den Meeresgrund.

Die Tuktoyaktuk Winter Road ist einmalig. Sie führt über den gefrorenen Mackenzie River und endet in der Beaufortsee. Jahrelang verband die Straße, die nur im Winter befahren werden kann, die Städtchen Inuvik und Tuktoyaktuk (kurz Tuk). Sie war eine Lebensader ins Nirgendwo. Wegen der Klimaerwärmung, Sicherheitsaspekten und der besseren Erreichbarkeit baute die Regierung eine ganzjährig befahrbare Straße östlich der alten Route, die vor Kurzem eröffnet wurde.

Die Temperatur sinkt auf minus 50 Grad

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Hinweisschild für die "Ice Road": Noch sind alle Streckenabschnitte offen

Nur ein paar Abenteurer und Naturliebhaber schaffen es überhaupt über den Dempster-Highway bis nach Inuvik. Nach Vancouver sind es rund 4000 Kilometer, bei strammer Fahrt in gut drei bis vier Tagen zu erreichen. Inuvik ist mit rund 3400 Einwohnern die größte Stadt in Kanada nördlich des Polarkreises. Viele Einwohner sind Eskimos des Stammes der Inuvialuit, wie sich die Inuit hier nennen.

Ein besonderer Schlag: abgehärtet, wortkarg, mehr Einsiedler als Stadtmensch. Kein Wunder in dieser unterkühlten Gegend. Die meiste Zeit des Jahres ist es windig und kalt. Anfang Januar sinkt das Thermostat auf minus 50 Grad, die Durchschnittstemperatur liegt von Dezember bis Februar bei minus 30 Grad.

Etwa 100 Meter hinter dem Ortskern von Inuvik biegt die befestigte Straße auf den Mackenzie-Fluss ab – Richtung Tuktoyaktuk. 90 Kilometer geht es darauf zur Küste der Beaufortsee, dann noch mal gut 90 Kilometer übers zugefrorene Meer.

Seit den 1960er-Jahren wurde das Eis jedes Jahr im Winter geglättet, um Tuk auf Rädern erreichen zu können. In den übrigen Jahreszeiten war das wegen der sumpfigen Tundraböden nur mit Schiffen oder Flugzeugen möglich.

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Eisberge dienen als Leitplanken

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Ganz schön gewagt: Überholmaöver auf dem Mackenzie River

Auf dem Mackenzie geht es mit dem allradgetriebenen Mercedes an Richards Island vorbei, an Rentieren und ein paar verlassenen Häusern. Boote stecken im Eis fest. Neben der freigeräumten Straße säumen Eisberge den Weg.

Der Mercedes GLE 400 4Matic mit 333 PS würde jetzt in sechs Sekunden auf 100 km/h sprinten, bis zu 247 km/h schnell fahren. Wenn, ja, wenn der Straßenbelag griffig genug wäre.

Doch die niedrigen Reibewerte des Eises lassen die Traktionskontrolle sofort eingreifen. Schon ein kurzer, heftiger Tritt aufs Gaspedal, und die vier Räder drehen durch, schieben den Mercedes zur Seite.

Würde der SUV zu schnell an die Mauer aus Eis knallen, wäre das schöne Blech des mindestens 61.582 Euro teuren Wagens verbeult und die natürliche Straßenbegrenzung kaputt.

"Mounties" und Schneeräumer sorgen für Sicherheit

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Moderner "Mountie": Nic Brame von der Royal Canadian Mounted Police

Und der Räumdienst müsste wieder ran. Auch ohne Unfälle hat er auf der Straße viel zu tun. Er befreit sie vom Schnee, fräst sie und schmilzt dicke Eisklötze weg. Mit einem Echolot kontrolliert er die Dicke des Eises.

"Wenn zu viel Druck entsteht, bricht das Eis an manchen Stellen auf. Auf der Fahrbahn kann das die Reifen zerfetzen", sagt Nic Brame, einer von sechs Polizisten in Tuk. Und einen Reifen bei minus 40 Grad zu wechseln, mache keinen Spaß. Ihm passierte das ausgerechnet an Weihnachten. Die Reifen des Mercedes-Geländewagens sind deshalb extra dick. Kleine Lkw-Reifen, aber ohne Spikes, denn die würden die Straße zerstören.

Mit bis zu 70 Sachen geht es über die spiegelglatte Fläche. Fahren auf Eis bedeutet vor allem: ein zarter Gasfuß und geschmeidiges Lenken. Trotz ABS benötigt der GLE rund 100 Meter zum Stehen.

Eisstraßen in den Northwestern Territories Kanadas

Sobald Seen und Flüsse im Norden Kanadas zugefroren sind, ändert sich die Straßenkarte: die sogenannten Ice Roads öffnen und erweitern das reguläre Straßennetz. Zwischen Januar und März wird das Eis dieser neuen Strecken über einen Meter dick und hält sogar Lkw aus.

Aber man braucht keinen Laster, um die Ice Roads zu nutzen, ein normaler Mietwagen tut’s auch. Die bekanntesten Straßen führen von Yellowknife nach Dettah oder entlang des landschaftlich reizvollen Mackenzie-Deltas von Inuvik nach Aklavik.

Mehr Infos und eine Übersichtskarte über die "Government of the Northern Territories Winter Roads" gibt es auf der Website der Regionalregierung*

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Der erste Gegenverkehr taucht nach einer Stunde auf

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Verschlafenes Nest: Tuktoyaktuk liegt direkt an der Beaufortsee

Angst vor einem Zusammenstoß haben wir nicht: Erst nach einer knappen Stunde Fahrt kommt uns das erste Auto entgegen. Nach guten drei Stunden endet die Ice Road in Tuk.

Hinter dem Ort beginnt direkt die Beaufortsee. Die Hälfte des Jahres ist sie zugefroren, die Oberfläche gleicht einer Mondlandschaft und ist nicht zu unterscheiden vom schneebedeckten Land.

Besonders einladend ist der Ort nicht, er gleicht einer Geisterstadt. Viele Häuser sind unbewohnt. Die Stadt hat – wie Inuvik – mit hoher Arbeitslosigkeit gepaart mit Langeweile und heftigem Alkoholkonsum zu kämpfen.

Vor ein paar Jahren stellten Ölkonzerne die Bohrungen ein, es gibt fast keine Fischindustrie mehr, und der Tourismus hält sich in Grenzen. Die etwa 850 Einwohner verkriechen sich im Winter lieber in ihren warmen Häusern, Jobs gibt es kaum.

Tuk wirkt wie eine Geisterstadt

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Eiskalte Erfahrung: Autor Fabian Hoberg betritt das Nordpolarmeer

Mit der Abgeschiedenheit soll es nun vorbei sein. Zwischen 2014 und Ende 2017 baute die Regierung für 300 Millionen kanadische Dollar eine richtige Straße nach Tuk, ganzjährig befahrbar. Man errichtete dafür acht Brücken, um das Städtchen aus der Isolation zu befreien.

Die Straße war notwendig, denn die Klimaerwärmung knabbert auch an der Eisstraße, die feste Schicht wird dünner. Außerdem hatte sich ein internationales Konsortium für Bohrlizenzen vor der Küste beworben, um Gasfelder zu erschließen – die ersten Bohrungen waren für 2020 geplant. Doch ein Moratorium der Regierung hat das nun vorerst untersagt.

Offiziell wird deshalb die Eisroute geschlossen, zumindest die lange Strecke nach Tuk. Der Weg über den gefrorenen Mackenzie-Fluss ins nicht minder verschlafene Nest Aklavik auf der Hälfte der Strecke bleibt bestehen – eine Straße über spiegelglattes Eis wohin man schaut. Ein Teil der Legende lebt also noch ein bisschen weiter.

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Text: Fabian Hoberg. Fotos: PR/Daniel Maurer (8), Fabian Hoberg (4).
Karte: Department of Infrastructure, Government of the Northwest Territories.

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Ein PDF mit dem ausführlichen ADAC Autotest des GLE finden Sie hier: Mercedes_GLE_250_d_9G_TRONIC (PDF-Download2,7 MB)