Der Hyänenmann in Äthiopien

13.12.2018

In Harar im Osten Äthiopiens lebt ein Mann, der Hyänen füttert. Wer das miterleben will, muss verschiedene öffentliche Verkehrsmittel nutzen, um ans Ziel zu kommen: Sowjetische Lada-Taxis, den neuen chinesischen Zug und die allgegenwärtigen Minibusse

Mann mit Hyäne in Äthiopien
Das Füttern von Hyänen ist ein alter Brauch
  • Äthiopien ist dreimal so groß wie Deutschland und hat mehr als 100 Millionen Einwohner
  • Mehr als eine halbe Million Touristen besuchen das Land jährlich

 

In der äthiopischen Welterbestadt Harar füttert ein Mann jeden Abend Hyänen. Touristen können sich einer Mutprobe stellen und es ihm gleichtun. Als ich davon hörte, war für mich klar: Ich will nach Harar. Wo sonst kann man den Raubtieren so nahekommen?

Mehr als vier Millionen Einwohner sollen in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba leben. Der Verkehr? Gewöhnungsbedürftig. Busse und Autos zwängen sich durch die Straßen, Fahrer hupen, bevor sie bremsen, und manchmal müssen sie Schafherden ausweichen. Da ist es gut, wenn man einen Taxifahrer seines Vertrauens hat. Für mich ist das Wondesen. Er will mich zum Bahnhof bringen, von wo ich den Zug nach Ostäthiopien nehmen will. Pünktlich um sechs Uhr früh parkt er vor meinem Hotel.

Mit dem Taxi durch die Millionenstadt Addis Abeba

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Oldtimer in Äthiopien
Wondesen ist Taxifahrer in Äthiopiens Hauptstadt

Wie fast alle Taxifahrer fährt Wondesen einen Lada. Im einst kommunistischen Äthiopien sind die blau-weißen Autos allgegenwärtig. Die Karosse zeugt von mehreren Unfällen, die Beifahrertüre lässt sich nur mehr von innen öffnen, und Anschnallgurte mag es mal gegeben haben. Aber: Das Auto fährt. Auf 100 km/h könne er beschleunigen, erklärt Wondesen. Ich zweifle.

Selbst kleine Anhöhen tuckert der Lada im zweiten Gang hoch, während links und rechts Toyota-Landcruiser vorbeiziehen. Die Tachonadel funktioniert schon lange nicht mehr. Immerhin: Wondesen muss seinen Lada nicht kurzschließen, wie andere Taxifahrer.

Er hat einen Schlüssel. Er lacht. Den Lada könne er hier in der äthiopischen Hauptstadt überall reparieren lassen. Das sei der große Vorteil. Günstig sei das Auto aber nicht, im Gegenteil: Gebrauchte Ladas kosten ab 3000 Euro, erklärt er.

Wondesen weicht Straßenhunden und Rindern aus, immer weiter fahren wir raus aus der Stadt. Dass es nun eine Zugverbindung in den Osten gibt, ist auch für die Äthiopier neu. Wondesen fragt mehrmals nach dem Bahnhof. Erst nach einer dreiviertel Stunde kommen wir an.

Der Hauptbahnhof Lebu liegt außerhalb des Stadtzentrums

Oldtimer in Äthiopien
Meistens ist die Bahnhofsgegend menschenleer

Der Bahnhof Lebu liegt wie ein schlafender Riese da. Ein Gebäude, das man schon von Weitem sieht und das so gar nicht in die Landschaft passen will. Rinder grasen auf den Wiesen davor, gelangweiltes Sicherheitspersonal geht auf und ab. Wenn der Zug nicht fährt – und er fährt nur ein Mal am Tag –, ist hier nichts los.

In einer Nebenhalle hatte ich mein Ticket bereits zwei Tage zuvor gekauft. Unbedingt, so haben mir mehrere Äthiopier versichert, sollte ich vorab einen Platz reservieren. Jetzt, am Montagmorgen, ist der Bahnhof wie ausgestorben. Heute fahre der Zug doch nicht, sagt ein Sicherheitsmann lapidar. Es gebe ein Problem entlang der Strecke. 

Ethnische Konflikte um Land und Vieh flammen immer wieder auf; es ist eine der größten Herausforderungen von Ministerpräsident Abiy Ahmed, der seit April 2018 im Amt ist, Frieden mit Eritrea schuf und demokratische Reformen verspricht.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich ins Taxi zurück zum Hotel zu setzen. Heute also nicht. Ein paar Tage später schaffe ich es dann: Pünktlich fährt die Lok in den Bahnhof von Dire Dawa ein. Freunde und Familien gehen an Bord, ein Waggon füllt sich zum einem Drittel. Der Rest bleibt leer, denn einen Schlafwagen will untertags niemand nutzen. Und in der Nacht fährt der Zug nicht.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte es bereits eine Bahnverbindung in die damalige französische Kolonie Dschibuti gegeben. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel die Strecke zunehmend. Lange führte nur eine Hauptstraße ans Rote Meer. Doch Anfang 2018 eröffnete der äthiopische Ministerpräsident die neue Bahnstrecke, die mit chinesischem Geld und Knowhow entstanden war. Blickt man heute aus dem Waggonfenster, sieht man die alten Gleise in der Wüste verrosten.


Von Dire Dawa nach Harar

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Markt in Äthiopien
Autorikschas prägen das Straßenbild

Dire Dawa in Ostäthiopien ist heiß – ein Kontrast zur Hauptstadt Addis Abeba, die auf 2400 Metern Seehöhe liegt. Doch wie dort wurde das Bahnhofgebäude auch in Dire Dawa außerhalb der Stadt erbaut. Die Straßen hier sind noch nicht asphaltiert, also rumple ich erstmal mit dem Taxi ins Zentrum.

Auf eines kann man sich in Äthiopien verlassen: Toyota-Kleintransporter, sogenannte Minibusse, fahren regelmäßig zwischen den Städten hin und her. "Harar, Harar", schreit ein Mann am Busbahnhof, und ein paar Minuten habe ich einen Sitzplatz für einen Euro ergattert.

Abenteuerlich geht es den Berg hoch, durch enge Kurven und vorbei an einem verunfallten Truck. Weil die Straße zu gefährlich ist, dürfen die Minibusse nur untertags fahren. Je höher es hinaufgeht, desto kühler wird die Luft. Nach weniger als drei Stunden erreichen wir Harar. Ein Schild begrüßt die Besucher: Willkommen in der "Stadt der Toleranz".

Neben 82 Moscheen finden sich auch eine orthodoxe und eine katholische Kirche in der weiß getünchten Altstadt Harars. Die Mauer, die sie umgibt, wurde zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert errichtet. Die Vereinten Nationen haben Harar 2006 zum Weltkulturerbe erklärt. Berühmt ist die Stadt aber auch für eine weitere Attraktion: den Hyänenmann.

Der Hyänenmann in Harar

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Paar mit Hyäne in Äthiopien
Abbas lockt die Hyänen mit Kamelfleisch

Mit einer Autorikscha, in Äthiopien "Bajaj" genannt, lasse ich mich nach Einbruch der Dunkelheit an den Rand der Stadt chauffieren. Dort, im Dunkeln, nur beleuchtet von den Rikscha-Scheinwerfern, sitzt der Hyänenmann mit einem Korb voll Kamelfleisch. Er beginnt seine Vorführung.

Stück für Stück legt er Fleischfetzen auf ein Holzstöckchen und wartet, bis sich eine Hyäne nahe genug herantraut, um sich das Fleisch zu schnappen. Dann wiederholt er das Spektakel, für das er am Ende jedem Besucher drei Euro abknöpft.

Das Füttern der Hyänen in Harar ist aber mehr als eine Touristenattraktion – es ist ein alter Brauch. Der Legende nach ließ der Emir vor vielen Jahrhunderten zum Schutz Harars die Stadtmauer errichten. Als sich die Hyänenangriffe mehrten, beschloss der Emir, den Hyänenkönig aufzusuchen.

Der Hyänenkönig erklärte, dass er böse sein, denn die Mauer hinderte die Tiere daran, in die Stadt zu kommen, um den Abfall zu fressen. Also kam es zu einem Abkommen: In Harars Stadtmauer bauten die Hararis kleine Tore für die Hyänen, um sie milde zu stimmen. Und einmal im Jahr mussten die Menschen sie mit einem Brei füttern.

Tipp Icon

Verkehrsmittel

Wer mit dem Taxi unterwegs ist, sollte den Preis vor der Fahrt verhandeln. Taxameter gibt es keine. Kürzere Strecken kosten ab sechs Euro, die Fahrt zum Bahnhof ab 20 Euro.

Die Bahn fährt jeden zweiten Tag von der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba über Dire Dawa nach Dschibuti – theoretisch. Praktisch kann Einiges dazwischenkommen. Fragen Sie am besten vor Ort und seien Sie geduldig. Einen Fahrplan finden Sie hier.

Ein Sitzplatzticket von Addis Abeba nach Dire Dawa (8h Fahrt) kostet 20 Euro, nach Dschibuti (13h) 32 Euro. Die Tickets gibt es bislang nur an den Bahnhöfen zu kaufen. Die liegen weit außerhalb der Zentren. Brechen Sie rechtzeitig vor der Abfahrt auf – auch, weil es am Bahnsteig Sicherheitskontrollen gibt.

Der Hyänenmann scheint guter Dinge, dass die Tiere heute keine bösen Absichten haben. Nach und nach ruft er die Besucher zu sich. Ich setze mich neben ihn, sein Stöckchen mit dem Kamelfleisch in der Hand. Und warte.

Augen blitzen in der Dunkelheit auf. Mehrere Hyänen umkreisen uns skeptisch. Dann wagt sich eines der Raubtiere vor. Es stellt sich auf die Hinterfüße, schnappt sich seine Beute – und verschwindet wieder so schnell in der Dunkelheit wie es zuvor aufgetaucht war.

Text und Fotos: Benjamin Breitegger

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