Formel E kommt nach Berlin: Interview mit BMW-Motorsportchef Jens Marquardt

14.5.2018

Bei Fans und Herstellern wird die Formel E immer beliebter. Porsche und Mercedes steigen Ende 2019 ein, BMW ist schon dabei. Am 19. Mai 2018 starten die Elektroflitzer auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Vor dem einzigen deutschen Rennen sprach die Motorwelt mit BMW-Motorsportchef Jens Marquardt

Formel E
Der Qualm kommt bei der Formel E nur von den Reifen

ADAC Motorwelt: e-Mobilität steht doch für Klimaschutz. Wie passt dazu eine Rennserie?

Jens Marquardt: Sehr gut, finde ich. Das Gesamtkonzept Formel E ist was den ökologischen Fußabdruck angeht, deutlich optimiert. Das ist eine Serie, die in der Innenstadt stattfindet, da können die Zuschauer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen. Und alles, was im Umfeld der Formel E an Energie erforderlich ist, wird nachhaltig generiert. Mit Elektro-Rennfahrzeugen in Städten zu fahren, ist ein neuer und sehr guter Ansatz.

Wer kommt zu den Rennen?

Wir haben festgestellt, dass genau die Menschen kommen, die wir als potenzielle Kunden für unsere e-Autos sehen. Das ist eine ganz andere Klientel als bei anderen Rennserien. Sie ist deutlich interessiert an der Technologie, das spüren wir im e-Village (Anm. der Redaktion: eine Art Markt mit Info-Ständen, Simulatoren und Unterhaltungsprogramm), wo wir als Hersteller Produkte und Services präsentieren können und nah an Kunden rankommen. Auch deshalb ist die Serie für uns so interessant.

Tipp Icon

Leise und sauber: Das ist die Formel E

Seit ihrer Premiere 2014 setzen die Macher der ersten rein elektrischen Rennserie, der Formel E, auf Innenstadt-Kurse – Rom, Zürich, New York und in Deutschland Berlin. Das Programm der Veranstaltungen ist kompakt: Freies Training, Qualifying und Rennen – alles an einem Tag. Neun Hersteller aus aller Welt (BMW, DS, Audi Sport Abt Schaeffler, Mahindra, Renault, Jaguar Land Rover, NIO, Dragon/Penske und Venturi) und viele ehemalige Formel 1-Stars wie Nick Heidfeld sind schon dabei, Ende 2019 kommen Mercedes und Porsche dazu. Gefahren wird in rund 880 kg (inklusive Fahrer) schweren Elektroflitzern mit Einheitschassis, 200 kW (etwa 272 PS) und einer 230 kg schweren Batterie. In dieser Saison wechseln die Piloten etwa zur Mitte der einstündigen Rennen die maximal 225 km/h schnellen Fahrzeuge, ab der nächsten Saison fällt dieser Boxenstopp weg. Dann reichen die Akkus für die gesamte Renndistanz. 

Warum engagiert sich BMW in der Formel E?

Das Thema ist für uns wichtig, weil wir hier die emotionale Seite der e-Mobilität den Menschen vermitteln können. Jeder, der schon mal ein e-Auto gefahren ist, weiß, wie unheimlich schön der Beschleunigungsmoment ist. BMW ist vom Tag eins bei der Formel E dabei, als Fahrzeugpartner, unter anderem mit dem Safety Car. Mit dem Team Andretti sind wir jetzt im zweiten Jahr in einer sehr intensiven Engineering-Partnerschaft unterwegs, und ab der nächsten Saison wird Andretti in Zusammenarbeit mit BMW Ingenieuren unser neues Auto in der Formel E einsetzen. 

Zoom-In
Formel E Allianz E-Village
Der Elektro-Nachwuchs übt im Miniformat im sogenannten e-Village

Es gibt Kritiker, die sagen, das ist kein Motorsport mehr. Was sagen Sie denen?

Es gab auch viele Leute, die sich vor zehn Jahren nicht vorstellen konnten, dass man mit einem komplett elektrisch angetriebenen Auto durch die Stadt und über Land fährt, weil Reichweiten von mehr als 300 Kilometern möglich sind. Die Welt dreht sich weiter. e-Mobilität wird überall Einzug halten. So wie mal Diesel- von Elektro-Loks abgelöst worden sind, ist es jetzt in der individuellen Mobilität. Doch es bleibt weiter auch Raum für diejenigen, die bei Rennen nicht auf Motorengeruch und -lärm verzichten wollen. Aber ich glaube, wir müssen den Horizont erweitern. Das was wir bei der Formel E sehen, ist spannender Sport, so wie wir ihn haben wollen: Rad an Rad, tolle Fahrer, tolle Teams. Das macht Motorsport auch aus, ich muss nicht alle klassischen Elemente dabei haben.

Ist die Formel E zu leise, brauchen die Autos hörbaren Motorensound?

Das war auch bei Straßenfahrzeugen in der Diskussion, und man hat diesen Gedanken verworfen. Auch die Formel E braucht das nicht. Wenn ich auf einer Packung vegetarische Würstchen lese, denke ich mir, warum muss das Würstchen heißen? Die Formel E tut gut daran, ihre eigene Identität zu haben.

Tipp Icon

Tickets und Infos zur Formel E in Berlin

Formel E in Berlin Tempelhof180 ehrenamtliche Helfer des ADAC Berlin-Brandenburg sorgen dafür, dass die Formel E-Stars am 19. Mai auf dem Tempelhofer Feld fahren können.

Der ADAC informiert an einem Messestand im e-Village über seine Leistungen und Angebote.

Alle Tickets für die Tribünen sind bereits vergriffen, aber Karten für Stehplätze für das Event sind noch verfügbar.

Wo sehen Sie das Potenzial?

In der Stadt, nah am Kunden. Wir haben jetzt schon Simulator-Rennen für die Zuschauer, aber da gibt es Potenzial für noch mehr Nähe und eine aktive Einbindung der Fans. Möglicherweise kann die Formel E in ein paar Jahren die erste Plattform werden, bei der virtuelles und reales Rennen zusammengeführt werden.

Zoom-In
Formel E Allianz E-Village
Die Fans können virtuelle Rennen fahren und so hautnah dabei sein

Kann die Serie mal die Formel 1 ablösen?

Die Formel E ist ein eigenständiges Thema. Wir reden dauernd über Virtual Reality, es gibt so viele Menschen, die sich mit irgendwelchen Rennspielen beschäftigen. Wenn wir das mit dem Sport verbinden können, haben wir deutlich mehr davon, als immer neue Flügel auf Autos zu bauen, die Leistung zu erhöhen. Ganz ehrlich, das kann jeder. Die Formel E war und ist etwas Besonderes, und sollte es auch bleiben.

Brauchen andere Rennserien auch e-Mobility?

Es gibt immer mehr Konzepte für e-Motoren im Rennsport, die muss man sich genau anschauen. Aber ich glaube, dass es im Motorsport wie auf der Straße in Zukunft einen Mix geben wird: hocheffiziente Verbrennungsmotoren, Hybrid- und reine e-Fahrzeuge.

Was bringt die Formel E für die Entwicklung von Serienfahrzeugen?

Bei BMW sehr, sehr viel. Weil wir den gesamten e-Antrieb und die Leistungselektronik für das Rennauto in enger Zusammenarbeit mit den Serienkollegen entwickeln. Wir haben damit unseren Leute ermöglicht, mal ganz weit zu springen und zu schauen, was technisch möglich ist – frei von den Rahmenbedingungen in der Serienfertigung. Denn wir werden irgendwann auch in Straßenfahrzeugen Hochleistungs-e-Motoren haben. Alle unsere Kunden werden von der Formel E in ihren Autos profitieren.

Tipp Icon

BMW Motorsport Direktor Jens Marquardt

BMW Motorsportdirektor Jena MarquartJens Marquardt wurde am 20. Mai 1967 in Sindelfingen geboren. Er studierte Luft- und Raumfahrttechnik bevor er als Entwicklungsingenigeur bei Mercedes-Benz seine Laufbahn in der Automobilindustrie begann.

1996 wechselt er in der Motorsport und entwickelt dort unter anderem Formel-1-Motoren. Ab 2005 arbeitete er für Toyota und wechselte 2011 zu BMW Motorsport wo er für die DTM und alle anderen Motorsportaktivitäten verantwortlich zeichnet.

Text: Christof Henn. Fotos: dpa picture alliance, Dan Bathie (2), Nat Twiss/Spacesuit Media, Andreas Beil

Viele weitere Fahrberichte und Autotests finden Sie bei der ADAC Motorwelt.

Kritik, Lob, Anregungen? Schreiben Sie uns: redaktion.motorwelt@adac.de

(acfo)