Reise & Freizeit

Voll auf der Rolle

Dresden zu Fuß, mit dem Rad oder dem Bus? Kann man machen. Viel spannender aber ist die Fahrt auf einem Longboard

Wie soll das bitte gehen? Es ist Samstag früh um neun, Dresden döst im Morgendunst, und ich stehe mit zwei jungen Männern am Königsufer der Elbe, um mich in die Kunst des Longboardens einweisen zu lassen. „Eine Stunde, dann solltest du das draufhaben“, sagt Philipp Marx, der Profi-Longboarder. Eine Stunde? Ich versuche auf einem Brett zu stehen, das sich so stabil anfühlt wie eine halb volle Luftmatratze bei Wellengang. Jede Unausgewogenheit wird sofort mit Abwurf geahndet. Und ich bin extrem unausgewogen.

An meiner Seite: mein 17-jähriger Neffe Leon und der Dresdner Longboard-Crack Philipp, 25. Beide boarden schon seit vielen Jahren und verströmen diese natürliche, geradezu empörende Lässigkeit, die nur haben kann, wer gut ein Drittel seines Daseins auf einen Meter langen Brettern zugebracht hat. Die Arme hängen schlaksig herunter, während meine wild balancierend fuchteln. Der Blick schweift, meiner ist starr auf die Füße geheftet. Leon checkt kurz sein Smartphone, während er auf- und abrollt. Wie macht er das nur?

Das Longboard rollt weich und weit, als würde es schweben

„Leon“, rufe ich, „sieh dir diese Pracht an!“ Ich sage das natürlich auch, um von meinem Gehampel abzulenken. „Ist das nicht wunderschön?“ Gegenüber präsentiert sich, noch zart vom Morgengrau umflort, die Dresdner „Wow!“-Kulisse: Frauenkirche, Kunstakademie, Brühlsche Terrasse, Hofkirche – das ganze Programm. „Ja, cool“, sagt Leon und zieht weiter geduldig seine Bahnen. Er hat noch genügend Zeit, das Setting zu bestaunen. Seine Tante muss schließlich erst mal lernen, sich auf diesem Ding zu halten.

Philipp hat sich bereit erklärt, mich in die Basics des Asphalt-Surfens einzuweihen. Das ist sehr nett von ihm, denn normalerweise hält sich der 25-Jährige, der zu den besten Longboard-Freeridern in ganz Europa zählt, nicht so viel in der Ebene auf. Er stürzt sich lieber französische Alpenpässe hinab. Ja, auf dem Longboard. Mit 50 oder auch mal 100 Sachen. Mit Helm immerhin und Klett-Pucks an den Handschuh-Innenflächen, um sich damit in den Kurven Funken sprühend auf dem Straßenbelag abzustützen. Mir wird schon schwindelig, wenn ich nur daran denke. Und ich komme mir etwas dämlich vor mit meinen Knie-, Ellbogen- und Handgelenkschützern und dem grünen Helm.

Also Augen geradeaus, rechten Fuß auf das Brett, der linke schiebt an, schnell nimmt das Ganze Fahrt auf. Dann beide Füße parallel rechtwinklig zur Fahrtrichtung auf dem Brett positionieren, wie beim Snowboarden – und dann einfach mal rollen. Ist doch nicht so schwer. Und überraschend schön, so dahinzubrettern. Das Longboard rollt weich und weit, fast ein bisschen, als würde es schweben. Aber warum nur wackelt das Ding so?

„Das ist das Ergebnis unserer innovativen Technologie“, erklärt Philipp, der die Longboards gelegentlich selbst im Dresdner Brettlladen verkauft. Buddy-Buddy heißen die Bretter, deren holzummantelte Glasfaserschichten mittels einer speziellen Technik miteinander vernäht sind. Wenn man das Brett umdreht, sieht man die Einstichpunkte, an denen die Nylonschnüre durch die Schichten dringen. Der Dresdner Longboarder Mike Gelbricht hat dies in Zusammenarbeit mit dem Holzinstitut der Dresdner Universität entwickelt und sich patentieren lassen. In der Szene sind die Buddy-Buddy-Bretter wegen ihrer hohen Dynamik und Bruchsicherheit sehr angesagt. „Sie reagieren flexibler auf Gewichtsverlagerung und dämpfen Vibrationen besser“, sagt Testfahrer Philipp, der dank seiner Downhill-Kurverei einen ziemlich hohen Bretterdurchlauf hat. Weil meins für meinen Geschmack etwas überelastisch reagiert, montiert Philipp in den Achsen festere Gummiringe. Das bringt Stabilität.

Es kann also losgehen: Flussaufwärts rollen wir Richtung Rosengarten – hätte ich jetzt gern geschrieben. In Wahrheit rollen nur Leon und Philipp den asphaltierten Weg entlang, als seien sie auf den Dingern geboren. Stehen locker drauf, wie schichtvernäht, nur ab und zu ein kleiner Anschubser. Mein Brett hingegen hat einen Rechtsdrall, was nicht am Material, sondern an meiner Balance liegt. Ständig rattere ich in das Grün am Wegesrand. Stolpere vom Brett, laufe in der Wiese aus wie ein übers Ziel hinausgeschossener Ball.

Eine Fährfahrt über die Elbe hat etwas Anachronistisches

Philipp nimmt mich bei der Hand und zieht mich mit, er hat genug Schwung für zwei – so kommen wir voran. Und ja, es macht Spaß! Ich rolle immer sicherer, der Wind weht mir ins Gesicht, die weichen Rollen federn Unebenheiten ab – so fühlt sich Freiheit an. Die weiten, sattgrünen Auen gleiten vorbei, auf der Elbe trötet ein einsamer Ausflugsdampfer, viel mehr ist noch nicht los. Ein paar Radler und Jogger teilen sich mit uns den Weg, es ist genug Platz für alle. „In der Altstadt machen es Kopfsteinpflaster und Steinplatten den Boardern nicht so leicht“, erzählt Philipp. Umso gleichmäßiger surft es sich hier auf dem Asphalt. Unter den knospenden Rotdornbäumchen hindurch, die einen grünen Tunnel bilden, bis zum Café Rosengarten. Zeit für eine Verschnaufpause. Longboarden kostet mehr Energie als Radeln – mich jedenfalls. Wir sind die ersten Gäste, drinnen wird für den großen Wochenend-Brunch aufgetischt. Für uns tut’s ein Kaffee unter der Pergola mit Blick auf den Glitzerfluss. Wäre schön, hier ein wenig zu verweilen und einfach nur das Auge schweifen zu lassen. Aber Leon drängt weiter. Philipp will ihm das Sliden zeigen – das Kurvenfahren auf abschüssigerem Gelände. Mein Neffe kann es kaum erwarten.
An der Waldschlösschenbrücke führen Radwegserpentinen sanft hinab in die Auen. Das reicht zum Sliden – und auch, um Leons Ehrgeiz anzustacheln. Gebannt verfolgt er Philipp, der auf eine spitzwinklige Kurve zurast und sich im Scheitelpunkt geschmeidig bückt, um mit den Puck-Handschuhen den Asphalt zu streicheln. Leon tut es ihm nach, er stellt sich geschickt an, slidet eine Kehre nach der anderen. Wenn es nach ihm ginge, könnten wir das hier bis in die Nacht fortsetzen.

Weil es aber auch nach seiner Tante geht, überqueren wir jetzt mal schön die Elbe. Und zwar mit der Personenfähre, die an dem kleinen Steg Neustadt ablegt und zum Biergarten Johannstadt übersetzt. Ich liebe Flussüberfahrten, sie haben etwas wunderbar Anachronistisches. Und unser Fährmann Martin Möbius liebt seinen Job bei den Dresdner Verkehrsbetrieben. Mal steuert er eine Tram, mal Bus, mal Fähre, das ist doch eine hübsche Abwechslung. An Sommersonntagen schaukelt er gut 5000 Menschen über den Fluss. Darunter auch etliche Longboarder, von denen manche sogar auf dem zwölf Kilometer langen Elberadweg bis zum Schloss Pillnitz fahren. Meine Oberschenkel glühen, und wir haben noch nicht mal die Hälfte.

Auf dem südlichen Elberadweg geht es flussabwärts Richtung Altstadt. Schotter wechselt mit Asphalt. Immer wieder klemme ich das Brett unter den Arm und marschiere zu Fuß. Ich komme mir etwas blöd vor, dabei gibt es uncoolere Accessoires. Viele Möchtegerns, spöttelt Philipp, trügen kleinformatige Longboards durch die Stadt wie Fashionistas ihre It-Bags, um damit ihren Hipsterstatus zu unterstreichen. Na, wenn das so ist.

Wir erreichen den Flohmarkt, der sich immer samstags unterhalb der Albertbrücke am Elbufer auffädelt. „Leon, brauchst du was?“ Pseudo-altruistische Tantenfrage. Die Wahrheit ist: Ich brauche einen Vorwand, um all die Verkaufsstände zu durchstreifen. Flohmärkte kommen bei mir noch weit vor Flussfähren. Zum Glück braucht Leon dringend Zeichenfedern. In der Schule, er besucht eine Kunstfach-oberschule, zeichnen sie gerade viel mit den Dingern. Wir finden keine, dafür aber herrlich-hässliche DDR-Postkarten von Dresden aus den frühen Achtzigern, garniert mit „So war das damals hier“-Geschichten des weißhaarigen Verkäufers. Damals war ich so alt wie Leon heute und die DDR eine unfassbar ferne deutsche Sekundärexistenz.

Der Elberadweg führt uns weiter Richtung Altstadt – und dort endet unsere Fahrt dann auch erst mal. Auf der Brühlschen Terrasse tummeln sich Scharen von Touristen, Schulklassen, Reisegruppen, Selfie-Poser. Wir flanieren in Richtung Kunstakademie, deren Glaskuppel die Dresdner wegen ihrer Form ganz treffend „Zitronenpresse“ nennen. An ihrer Spitze glänzt eine fast fünf Meter hohe, tonnenschwere, goldene Ruhmesgöttin. Leon bestaunt die hohen Atelierfenster der Hochschule für Bildende Künste. „Muss toll sein, hier zu studieren“, sagt er, der selbst viel zeichnet und sein Skizzenbuch dabeihat. Ich erzähle ihm, dass Canaletto, der Schöpfer der berühmtesten Stadtansicht von Dresden, hier einst das Thema „Perspektive“ lehrte. Leon hat noch nie von ihm gehört. Aber er weiß, wie die 2-Punkt-Perspektive angelegt ist, mit der auch Canaletto arbeitete. Das üben sie gerade in der Schule.

Die Semperoper sei, glauben manche, doch eine Brauerei

Angesichts des Getümmels rund um Frauenkirche, Residenzschloss, Zwinger und Semperoper fliehen wir in die fast menschenleere Kunstakademie, sperren die Bretter in den Garderobenspind und genießen einen Moment der Stille. Wieder im Freien, vor der Semperoper, denken manche Touristen laut darüber nach, woher sie den monumentalen Bau kennen. Es fällt das Wort „Brauerei“, direkte Folge des Werbespots eines Bierherstellers, der die Oper als Kulisse einsetzt.

Philipp zeigt uns den Weg zum Kongresszentrum weiter flussabwärts. „Da gibt’s noch ein paar Kurven für dich“, verspricht er Leon. Nicht ganz legale leider, wie sich herausstellt. Eine Vielzahl von Stufen führt hinauf zu dem weiten, leicht schräg verlaufenden Vordach der modernen Kongresshalle, ein Slide-Dorado. Wie einem unsichtbaren Flechtmuster folgend, schlängeln Philipp und Leon vom obersten Punkt des Daches hinunter bis zum Treppenabsatz, wieder und wieder. Leon strahlt. Nicht allzu lang allerdings. Aus dem Nichts schießt ein uniformierter Ordnungsmann über das Dach, wild gestikulierend. Wir trollen uns schnell, nur Philipp hat’s nicht so eilig. Es ist nicht das erste Mal, dass er es mit Regelhütern zu tun bekommt. Longboarder und unter ihnen vor allem die Freerider cruisen im grauen Bereich. Offiziell sind sie im Straßenverkehr nur geduldet, wirklich willkommen sind sie, ob bei Autofahrern, Radlern oder Fußgängern, nur selten.

Eine letzte Kaffeepause auf der Dachterrasse der Yenidze. 1909 ließ hier der Unternehmer Hugo Zietz eine Zigarettenfabrik in Form einer Moschee bauen und den Schornstein als Minarett verkleiden. Heute wird die „Tabakmoschee“ von Büros und Gastronomie genutzt. Leon bestellt Vanilleeis mit heißen Himbeeren und ein kleines Bier dazu – ein bisschen Kind, ein bisschen junger Mann.

Die letzte Station soll noch mal der legendäre Blickwinkel von Canaletto sein. Der Punkt, an dem er vor fast 270 Jahren stand, um die weltberühmte Stadtansicht des barocken Dresden zu malen, befindet sich auf der Neustädter Elbseite. Wir überqueren den Fluss über die Marienbrücke und rollen im warmen Abendlicht unterhalb des Japanischen Palais entlang. Es ist, als tauche man in eine andere, entschleunigte Welt ein. „Hier ist es am coolsten“, sagt Leon. Und er hat recht. Pärchen liegen im kniehohen Ufergras, Kinder tollen herum, Hunde jagen fliegende Frisbees, Longboarder cruisen zwischen Radlern und Flaneuren. Vom Zwingerufer weht Klaviermusik herüber, auf dem Wasser ziehen Flöße vorbei. Canaletto wusste schon, warum er hier seine Staffelei platzierte. Es gibt wohl keinen schöneren Blick auf die Stadt. Außer jenen vielleicht, den man von einem rollenden Brett aus hat.

Text: Barbara Esser, Fotos: Thomas Schlorke

Diese Reportage stammt aus dem aktuellen ADAC Reisemagazin DRESDEN, das für 8,95 € im Handel, im ADAC Shop und für 4,99 € als App für iPad und Android erhältlich ist.

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