Autotour: Von der Wieskirche zum Bodensee

16.5.2018

Voralpen-Idyll in Bayern, Mittelmeer-Gefühle am Bodensee und 900 Jahre Kirchengeschichte: Vielfalt auf der UNESCO-Welterberoute von der Wieskirche durchs Allgäu zur Insel Reichenau. Auf dem Weg liegt auch das Märchenschloss Neuschwanstein

Wieskirche in Steingaden von außen
Die Wieskirche. Von außen so wie viele andere Gotteshäuser, aber innen überwältigend

Wir haben Glück. Früh am Morgen ist es zwar sehr kühl, zapfig, wie es hier in Bayern heißt. Aber auch noch ruhig vor der Wallfahrtskirche zum Gegeißelten Heiland auf der Wies in Steingaden. Nur wenige Touristen sind da, eine Gruppe Amerikaner spaziert gerade vorbei an den Souvenirständen voller Kreuze und Heiligenbildchen hoch zur Wies­kirche*.

Und wir haben eine Führerin, die wunderbar lebendig erzählen kann, warum der Pfaffenwinkel Pfaffenwinkel heißt und warum in dieser abgele­genen Voralpen-­Bilderbuchlandschaft inmitten von Wiesen, Weiden und einem Hochmoor eine der schönsten Rokokokirchen der Welt steht.

Großartige Kunstwerke im Pfaffenwinkel

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Elisabeth Welz mit dem Bild der Wies-Bäuerin Maria Lori
Elisabeth Welz (re.) mit Motorwelt-Redakteur Christof Henn

Zur Begrüßung hält Elisabeth Welz ein Bild von Maria Lori hoch. Die Wies-­Bäuerin ist Hauptdarstellerin einer filmreifen Geschichte. Am 14. Juni 1738, so berichtete die tiefgläubige Frau, habe die schmächtige Holzfigur des Gegeißelten Heilands bei ihr daheim geweint – dieses Tränenwunder lockte schnell immer mehr Menschen an: Zuerst zum Hof der Lori-Bäuerin, dann in eine eigens gebaute Ka­pelle und schließlich zur Wieskirche, die Dominikus Zimmermann und sein Bruder Johann Baptist von 1746 bis 1754 erbauten.

Mehr als 200 Wallfahrtsgruppen pilgern heute jedes Jahr zu Fuß hierher, die meisten der rund eine Million Besucher kommen aber mit Auto oder Reisebus. Sie besuchen eine Kirche, die von außen so aussieht wie viele andere. Die aber innen, bei aller Vorsicht mit Superlativen, überwältigend ist: hell, freundlich, nicht kitschig – wir schauen nach oben und genießen staunend das 18 mal 28 Meter große Deckenfresko, das den Raum größer wirken lässt, als er ist.

"Die Kirche hat keine Kuppel, auch wenn es so aussieht", flüstert Elisabeth Welz, "das ist eine optische Täuschung." Um uns herum bringen sich Besucher mit Stativen in Fotoposition, während vorne zwei Männer in einer Bank knien und mit Blick auf den Gegeißelten Heiland im Hochaltar beten.

Bildergalerie: Wieskirche, König Ludwig & Co.

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Gestärkt mit einem Wieskücherl, einem Schmalzgebäck mit Zimt und Zucker, geht es weiter zur zweiten Station unserer UNESO-Welterberoute, zur Insel Reichenau*. Es bleibt erst mal bayerisch, königlich bayerisch: Hinter Stein­gaden taucht auf der Deutschen Alpenstraße* kurz vor Füssen in den Bergen Neuschwanstein* auf – ein Märchenschloss, das 1869 für Ludwig II. gebaut wurde. Wir fahren weiter durch die sanfte Hügellandschaft des Allgäus bis zum Bodensee, wo uns eine andere Welt erwartet: Apfelbäume, Weinreben und Möwen statt Wiesen, Berge und Kühe, See-Feeling statt Voralpen-Idyll.

See-Feeling und mediterranes Klima 

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Ein Mädchen steht auf einem Tretboot am Ufer der Insel Reichenau
Tretboot mit Seeblick. Ein Mädchen am Südufer der Reichenau

Die Fähre bringt uns von Meersburg nach Konstanz, von dort sind es knapp 20 Autominuten zu ­einem berühmten Teilstück der Deutschen Alleenstraße: der Pappelallee auf dem 1300 Meter langen Damm, der seit 1838 die Insel ­Reichenau mit dem Festland verbindet. Karl Wehrle, Geschäftsführer des ­Verkehrsvereins, hatte uns am Telefon empfohlen, am Ende der Allee auf der Reichenau zu parken und zur Burgruine Schopflen zurückzugehen.

Ein sehr guter Tipp: Von der kleinen Aussichtsplattform auf der Ruine sehen und ­hören wir ein paar Enten aus dem Schilfdickicht des Wollmatinger Rieds hoch­flattern. Das größte Naturschutzgebiet am Bodensee ist ein Paradies für Vögel, in das Menschen nur bei Führungen hineindürfen.

Wir drehen mit dem Auto eine Runde über die 4,5 Kilometer lange und ­maximal 1,5 Kilometer ­breite Insel: durch ruhige kleine Straßen, vorbei an Vorgärten mit Palmen, Gewächshäusern, Gemüseständen, Fisch-Räucherstuben und Feldern. Auf einem ernten Frauen gerade Kohlrabi, ein paar Meter weiter binden andere Rucola zu Sträußchen. Und rund um die Hochwart, dem mit 440 Metern höchsten Aussichtspunkt der Insel, ist die Weinlese in Deutschlands südlichstem Anbaugebiet in vollem Gange.

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Die Zeche Zollverein in Essen gehört zum Unesco-Welterbe400 Kilometer-Autotour auf den Spuren des UNESCO-Welterbes vom Rhein bis zur Zeche Zollverein nach Essen. Abstecher zur Loreley, nach Köln und Aachen sowie zum Schloss Brühl

Route, Infos, Tipps

Mönche prägten die Insel Reichenau

Fisch, Wein und vor allem Gemüse, die Reichenau kann sich selbst ernähren. Und auch andere. Ein Großteil der jährlich 14.000 Tonnen gehen zum Großmarkt nach München. Der Gemüseanbau ist ein eher junges Kapitel in der Geschichte der Insel, die seit dem achten Jahrhundert lange in Klosterbesitz war. Die Mönche, die der Wanderbischof Pirmin im Jahr 724 mitbrachte, legten den ersten Kräutergarten Deutschlands an und hinterließen kunstvolle Buchmalereien und Handschriften. Und sie prägten das Gesicht der Insel vor allem architektonisch.

"Drei so bedeutende romanische Kirchen finden Sie nirgendwo so dicht beinander, und Wandmalereien wie die in St. Georg ­sehen Sie auf der ganzen Welt nicht", sagt Karl Wehrle. Als "klar, kahl und streng" beschreibt er sehr treffend die Gotteshäuser, deren Geschichte fast ein Jahrtausend früher als die der Wieskirche begann. Diesen Ausflug ins frühe Mittelalter lässt sich kaum einer der jährlich etwa 750.000 Reichenau-Gäste ­entgehen. Vor allem im Oktober nicht, wo sich die Insel auf ihren ruhigen Spätherbst-Rhythmus umstellt.

Felchenfilet, Müller-Thurgau, Kürbis

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Ein Weinberg im Allgäu mit einer Menschengruppe unscharf im Hintergrund
Gute Weine und gutes Essen – die Bodenseeregion ist bekannt dafür

Die kleine Solarfähre, die von April bis Anfang Oktober regelmäßig lautlos zwischen der Reichenau und dem zwei Kilometer nahen Mannenbach auf Schweizer Seite pendelt, stellt bald für dieses Jahr den Betrieb ein. Das Strandbad hat schon geschlossen, der Bodensee hat nur noch 15 Grad – bei einer Jahres-­Durchschnittstemperatur von 22 bis 23 Grad gibt es angenehmere ­Zeiten für Schwimmer. Dafür ist der See jetzt wunderbar ruhig.

Zum Abschied essen wir am Abend ein Felchenfilet und trinken dazu einen trockenen Müller-Thurgau – natürlich beides von der Insel. Am Morgen halten wir vor der Abfahrt noch an einem Stand, um den Kofferraum vollzuladen: mit gelben und grünen Zucchini, Kürbissen und kleinen Tomaten, die Insel­perlen heißen. Den Seeblick, die Luft, die Sonne und das milde Klima können wir nicht mitnehmen, aber wenigstens den Geschmack der Reichenau.

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ADAC Tipps und Infos zu UNESCO-Tour Allgäu Bodensee

ADAC Tourset südliches Oberbayern und AllgäuFür Club-Mitglieder gibt es gratis und exklusiv die App sowie die Reisekarten und Urlaubsführer des ADAC TourSets. Zu dieser Tour passen folgende Titel:

• Südliches Oberbayern
• Bodensee Allgäu 

Sie können die ADAC TourSets hier online bestellen oder in den ADAC Geschäftsstellen abholen. Für Smartphone und Tablet gibt es die TourSet-App oder Maps-App bei Google Play* bzw. im iTunes App Store*.

Welterberoute Allgäu – Bodensee: Etwa 100 Kilometer südwestlich von München, an der Wies­kirche in ­Steingaden, beginnt die gut 200 Kilometer lange Route, die über die Deutsche Alpenstraße* durch das ­Allgäu bis zur ehemaligen Kloster­insel Reichenau im Bodensee führt.

Ausführliche Informationen zu den UNESCO-Routen finden Sie hier: Ferienstraßen - Unesco Welterberouten*

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Text: Christof Henn. Fotos: Axel Griesch, dpa Picture-Alliance/A. Somm. Karte: ADAC Motorwelt

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(rmfo)