Auto & Innovation

Wo gibt's neuen Stoff

2535 Kilometer weit im Brennstoffzellenauto mit E-Motor auf Europa-Tour: Zumutung oder Zukunftstechnologie? Ein erstaunlicher Fahrbericht.

149 km: München–Innsbruck, Österreich
Ist die Reise schon vorbei, bevor sie richtig begonnen hat? Schwungvoll kurve ich mit dem Hyundai ix35 Fuel Cell an die Wasserstoffsäule in Innsbruck, da sprintet auch schon, genauso schwungvoll, eine Dame aus der Station. „Die geht nicht“, ruft sie, „wird aber morgen repariert.“
Morgen? Will ich schon 800 Kilometer weiter sein, irgendwo zwischen Stuttgart und Offenbach. Vier Länder in drei Tagen per Elektromobil mit Brennstoffzelle: so  weit der Plan. Die Realität: Die nächste H2-Tanke wäre Bozen. Hinter dem Brennerpass, 126 Kilometer von hier. Hätte ich doch noch mal vollgetankt in München: 100 Kilometer zeigt das Reichweiten-Display jetzt. „Bitte nicht leerfahren“, hatte Hyundai vorher gewarnt, „dann braucht der Wagen eine größere Wartung.“ Also los. Wird schon reichen. Muss!

275 km: Innsbruck–Bozen, Italien
Auf der Steigung über die Alpen schmilzt die Reichweite wie der Schnee von Kitzbühel im Frühling. Extreme Sparfahrt, Tempo 90, 80, endlich am Brenner. Ab jetzt geht’s bergab, im Leerlauf rolle ich hinter einem italienischen Lkw her. Trotz ausgeschalteter Klimaanlage (Energie sparen!) dringen Dieselabgase herein. Ist das die schöne saubere Zukunft? Aber es reicht. Puh! Der nette Herr Kröss von der Wasserstoffanlage in Bozen wartet schon. „Für drei, vier Kilometer hätte es noch gelangt“, stellt er beim Tanken fest. Dann führt er seine Wasserstoffgewinnung vor: Riesige Solarpanels liefern die Energie für die Elektrolyse mit Leitungswasser, das auf 99,9999 Prozent Reinheit gefiltert wird. Dann fährt Herr Kröss seine Anlage hoch, um meinen Tank richtig schön vollzupressen. Reichweite 420 Kilometer, vielen Dank!
625 km: Bozen–Hunzenschwil, Schweiz
Durchs schöne Vinschgau. Eine grandiose Landschaft. Und ich weiß: Mein Auto hinterlässt hier keine Stickoxide und kein Milligramm Ruß. Diese Reinheit schafft nur die Brennstoffzelle. Schwedische Wissenschaftler haben berechnet, dass die Herstellung der Akkus eines Tesla so viel Kohlendioxid erzeugt wie durchschnittlich der acht Jahre lange Betrieb eines Pkw mit Verbrennungsmotor.

879 km: Hunzenschwil–Stuttgart
Die Strecken nach Norden ersticken im Verkehr. Ein Umweg über Ulm, wo es ebenfalls eine gerade funktionierende H2-Tanke gibt? Mit diesem Auto bedeuten Umplanungen stets lange Umwege. Sehr lange. Also doch ab durch den Stau, wo der Verbrauch immerhin gegenüber freier Fahrt kaum ansteigt.

1093 km: Stuttgart–Offenbach
Während der Fahrt plausche ich via Freisprechanlage immer mal wieder mit Herrn Griese von H2 Mobility, einem Konsortium, das irgendwann alle deutschen Wasserstofftankstellen betreiben möchte. Stolze 400 sollen es bis 2023 sein, heute sind es jedoch erst 30, von denen etwa immer ein Viertel auf der Live-App rot gefärbt, also mal wieder außer Funktion ist. „Das sind Kinderkrankheiten“, sagt Herr Griese, „wir arbeiten mit Hochdruck daran.“ Er kennt die Stationen: welche rumzicken, welche besonders viel Druck machen, wo Ventile bei Hitze versagen. Und Hitze herrscht während meiner Tour. Offenbach pumpt nur zwei Kilo in den fast leeren Hyundai, dann meldet sich die Säule ab. Der Mercedes-Testfahrer, der seine B-Klasse nach mir betanken wollte, wirkt irgendwie genervt.


1325 km: Offenbach–Kamen
Die Reichweite liegt gerade mal fünf Kilometer über der Distanz zur nächsten Station, aber hey, das ist doch verdammt viel besser, als im Minus zu sein, oder? Als elektrischer Fahrer lernt man, cool zu bleiben. Und meistens reicht es ja, irgendwie und gerade so.

1365 km: Kamen–Münster
Auch Kamen mag die Hitze nicht, der Tank bleibt halb leer. Oder er wird halb voll. Ansichtssache. Immerhin langt es bis zur nächsten Station. Wasserstoff tanken ist wie iPhone laden: Man muss jede Gelegenheit nutzen!

1652 km: Münster–Hamburg
Wenn’s läuft, dann läuft’s. Das elektrotypische weiche Gleiten, die sanfte, aber druckvolle Beschleunigung, das Fehlen des Motorlärms zeigen, dass hier die Zukunft rollt. Auch wenn Akku-Mobile in Sachen Reichweite aufholen: Noch ist das Brennstoffzellenkonzept bei Tankzeiten und Reichweite überlegen.

1940 km: Hamburg–Berlin
Gedanken bei entspannten 130 km/h: Der Sprit lauert mit bis zu 750 bar zusammengepresst in einem Stahl-Glasfaser-Tank hinter mir. Kann das eigentlich gefährlich werden? Angeblich nein. Nicht mal, wenn man eine Gewehrkugel in den Tank feuert, explodiert der. Hyundai hat das ausprobiert. Das Gas entweicht, reagiert mit Sauerstoff und verwässert sich zur Pfütze. Und in einigen Jahrzehnten, wenn unsere Enkel elektrisch unterwegs sind, werden sie sich erzählen, dass Opa noch hochbrennbares, raffiniertes Erdöl durch die Gegend kutschierte, crazy!

 

2372 km: Berlin–Nürnberg
Mit 432 Kilometern die längste Etappe. Zuerst liegt die Distanz über der Reichweite, doch nach ein paar Kilometern mit Tempo 100 regelt sich das ein. „Schade, dass die Station in Leipzig noch nicht offen ist“, hatte der Techniker des Gasherstellers Linde an der Wasserstofftanke in Berlin gemeint, „dann könnte man ordentlich fahren.“ An allen Stationen herrscht so eine Art Pioniermentalität. Man trifft sich, tauscht sich aus, berichtet von Abenteuern mit leerem Tank.

 

2535 km: Nürnberg–München
Vollgas. Im Gegensatz zum E-Mobil mit Akku stimmt der Ausdruck bei der Brennstoffzelle ja wieder. Mit 160 über die Piste flitzen, mit einem Mix aus Licht und Wasser: irgendwie magisch.

Epilog:
2535 Kilometer, 26 Kilo Wasserstoff, 260 Euro Spritkosten: Das ist teurer, als die Tour per Diesel gewesen wäre. Ein Brennstoffzellenauto ist also etwas für Idealisten. Wie sehr, das zeigt sich, als ich für die Rückführung des Hyundai nach Offenbach volltanken will: Die H2-Säule ist tot. „Kein Wasserstoff. In ganz München nicht“, erklärt die Hotline mitleidig. Ein Déjà-vu, der Kreis schließt sich: Die restliche Reichweite liegt 20 Kilometer unter der Distanz zur nächsten Station in Ulm. Aber ich hätte gute Tipps für den Überführungsfahrer parat: Tempo 100, bergab rollen lassen, locker bleiben. Doch das will keiner hören. Hyundai holt den Wagen vorsichtshalber per Hänger. Wie langweilig.

Text: Marcus Efler, Fotos: Theo Klein