Auto & Innovation

Der Musterschüler aus Wolfsburg

Der VW Polo der sechsten Generation soll Maßstäbe setzen – und die Konkurrenz mit solidem Auftritt, Fahrkomfort und umfangreicher Sicherheitsausstattung ausbremsen. Das könnte gelingen. Erster Fahrbericht

Ein völlig klassenloses Auto zu sein – das hat man bisher immer dem Golf nachgesagt. Der neue VW Polo tritt nun mit dem gleichen Anspruch an: Er soll es jedem recht machen ohne dabei beliebig zu wirken. Diese Gratwanderung hat VW schon immer ganz gut beherrscht. Der auf 4,05 Meter gewachsene Kleinwagen präsentiert sich deshalb optisch unaufgeregt und unter dem Blech ziemlich wandlungsfähig: Es gibt ihn als schmalbrüstiges Basismodell mit 65 PS und Magerausstattung, aber bald auch als 200 PS starken GTI.

Motto: Bloß nichts falsch machen
VW weiß ganz genau, dass im Moment alles kritisch beäugt wird, was aus Wolfsburg kommt. Daher will man sich keine Patzer erlauben, erst recht nicht bei einem so erfolgreichen Modell wie dem Polo: Seit 1975 wurde er 14 Millionen Mal verkauft. So erwähnt VW Vorstand Herbert Diess bei der Fahrzeugpräsentation nicht ohne Grund, dass die Dieselmotoren des Polo (80 und 95 PS) mit aufwendiger Abgasreinigung auf den Markt kommen: mit SCR-Kat und AdBlue-Einspritzung. Wie sauber der Polo damit wirklich ist, werden die ADAC Tests zeigen.

Gegen Ende des Jahres ergänzt die umweltfreundliche Erdgasversion „TGI“ die Modellpalette. Mit 11 Kilo Erdgas an Bord und einem Verbrauch von 3,2 kg/100 Kilometer soll er im CNG-Betrieb rund 340 Kilometer weit kommen. Zusammen mit seinem 40-Liter-Benzintank macht das knapp 1200 Kilometer Gesamtreichweite. Nicht schlecht für einen Kleinwagen.

Im Moment sind allerdings erst drei Versionen des 1,0-Liter-Benziners zu haben, die sich allesamt in Bescheidenheit üben: Die 65-PS-Basis (ab 12 975 €) ist nur etwas für stoische Gemüter (0–100 km/h in 15,5 Sekunden) und auch mit 75 PS erfordert der Dreizylinder auf der Autobahn viel Geduld. Erst mit Turbolader und 95 PS lässt sich dem Motor mehr Temperament entlocken – als Allrounder ist er jedenfalls momentan die beste Lösung. Leise und bemerkenswert laufruhig sind alle Dreizylinder. Die Schmankerl hat sich VW für nächstes Jahr aufgehoben: 2018 kommen der 200 PS starke GTI, ein 150-PS-Motor und ein 115-PS-Benziner. Die Auswahl ist also riesig.

Bei den inneren Werten ganz groß
Das gilt auch für die Individualisierungsmöglichkeiten – und damit sind nicht nur die 14 Außenlackierungen, acht Armaturenbrett-Farben von mausgrau bis strahlend orange oder das Beats-Modell mit 300-Watt-Anlage und peppiger Inneneinrichtung gemeint. Als erster Kleinwagen überhaupt kann der Polo mit „virtuellem Cockpit“ geordert werden. Statt klassischer Zeiger für Drehzahlmesser und Tacho liegt es am Fahrer, wie er das Display hinter dem Lenkrad konfiguriert. Hier können zum Beispiel die Landkarte dargestellt werden oder ganz reduziert die Daten des Bordcomputers. Gut: In der Mittelkonsole lässt sich das Smartphone kabellos aufladen.

Besonders stolz ist VW auf die immense Anzahl von Assistenzsystemen. Eine City-Notbremsfunktion ist Serie, alles andere – von der Müdigkeitswarnung bis hin zum Ausparkassistenten, der beim Rückwärtsfahren aus der Lücke Querverkehr registriert – kostet Aufpreis. Wer fleißig in den Listen ankreuzt, kann einen profanen Kleinwagen so zum High-End-Gerät aufrüsten. Das ist teuer – und inzwischen auch typisch für VW. Wenigstens entfällt jetzt der Aufpreis für den Fünftürer: Die dreitürige Version wurde gestrichen.

Alles easy: Bedienung und Fahrkomfort
Bemerkenswert ist insgesamt der erwachsene Auftritt des Polo. Die Türen fallen satt ins Schloss, der Federungskomfort dürfte Maßstäbe im Segment setzen. Und wer schon mal einem VW besessen hat, kennt keine Probleme bei der Bedienung: Die Mischung zwischen modernem Auftritt (großer Touchscreen auf schwarzem Klavierlack) und gewohntem Handling (Drehregler für Heizung) scheint gelungen. Das Platzangebot ist trotz des Lägenwachstums um acht Zentimeter kleinwagentypisch geblieben. Und ja, es gibt auch etwas, was man hätte besser machen können: Die Türverkleidungen bestehen aus billigem Hartplastik – das passt so gar nicht zum hochwertigen Anspruch mit weichen Oberflächen am Armaturenbrett und guter Verarbeitung. Weggespart hat man außerdem die Haltegriffe am Dachhimmel. Gerade ältere Leute nutzen die Griffe gern beim Ein- und Aussteigen. Ein Thema für das Facelift in vier Jahren.

Text: Jochen Wieler. Fotos: PR. © ADAC Motorwelt 06.09.2017 Kontakt zur Redaktion: redaktion.motorwelt@adac.de.

Daten & Fakten (Herstellerangaben)

VW Polo 1.0 TSI
Motor: 3-Zylinder-Turbo-Benziner, 70 kW/95 PS, 175 Nm bei 2000 U/min
Fahrleistungen: 10,8 s von 0 auf 100 km/h, Spitze 187 km/h
Verbrauch: 4,5 l Super/100 km, CO2-Ausstoß: 103 g/km
Maße: L 4,05/B 1,75/H 1,46 m
Kofferraumvolumen: 351 l
Preis (Comfortline): 17.200 €, Baureihe ab 12.975 €