Auto & Innovation

Mercedes Digital Light: Scheinwerfer der Zukunft

12.4.2018

Daimlers revolutionäres Scheinwerfersystem "Digital Light" funktioniert wie ein Projektor. Es soll das Licht gleichmäßiger verteilen, die Fahrbahn besser ausleuchten und Warnsymbole auf die Straße werfen. Mitte 2018 kommt die Technik im Mercedes-Maybach auf den Markt

Mercedes Benz in Test-Werkstatt, Ansicht schräg von vorne
Maybach: Die Langversion der Mercedes S-Klasse im Entwicklungszentrum Sindelfingen

Ortstermin im Untergeschoss des Daimler-Entwicklungszentrums in Sindelfingen. Nach High-Tech sieht es hier nicht aus, eher so schmucklos wie in einer Tiefgarage oder einem Lagerkeller. Hier versteckt sich der Lichtkanal von Daimler. Mittendrin: Ein Mercedes-Maybach – die auf 5,46 Meter gestreckte Luxus-Version der S-Klasse. An sich wäre die mindestens 140.000 Euro teure Limousine schon imposant genug, um ins Schwärmen zu geraten. Doch was aus ihrem Scheinwerfer strahlt, ist noch erstaunlicher: Der Lichtstrahl, der aus den Leuchten kommt, projiziert zur Begrüßung das ADAC Logo auf die Wand.

Es geht nicht um Show, sondern um Sicherheit

Zoom-In
Mercedes Benz Ingenieur am Auto
Entwickler Björn Böke erklärt die neue Scheinwerfertechnik 

"Auf solche Show-Effekte sind wir eigentlich nicht aus", erklärt Entwickler Björn Böke, der zusammen mit seinem Kollegen Stefan Töpfer das neuartige "Digital Light" von Daimler auf den Weg gebracht hat. Theoretisch ließen sich auch Kinofilme über die Scheinwerfer abspielen – "allerdings in schwarz-weiß", wie der Ingenieur betont.

"Unsere Intention war stattdessen, das Fahren bei Nacht noch sicherer und angenehmer zu machen." So wird es das Autokino für die heimische Garage wohl in absehbarer Zeit nicht geben – andere Innovationen des Digital Light aber schon. Bereits ab Sommer 2018 soll es in einer Kleinserie "an ausgewählte Maybach-Kunden" ausgeliefert werden, in ein paar Jahren kommen auch andere Modellreihen dran.

Und was ist so toll dabei? Prinzipiell funktioniert es wie ein Projektor im Kino. Vor der LED-Lichtquelle sitzen auf einer briefmarkengroßen Fläche mehr als eine Million kleine Spiegel, die das Licht auf die Straße reflektieren. Weil jeder der Mikro-Spiegel elektronisch individuell angesteuert werden kann, lässt sich das Licht sehr fein verteilten. Beim bisherigen Matrix-Licht – bis dato Stand der Technik – sind es 84 Segmente, die einzeln an- und abgeschaltet werden. Damit kann man schon heute so gut wie immer mit Fernlicht fahren, weil vorausfahrende oder entgegenkommende Autos "ausgeblendet" werden, indem sich einzelne Segmente ausschalten.

Trotz guter Ausleuchtung darf keiner geblendet werden

Zoom-In
Mercedes Benz neue Lichttechnik. Auto in einer Fahrsituation, Scheinwerfer strahlt vorausfahrende Autos an. Leichte Draufsicht
Mit Fernlicht: Um andere Verkehrsteilnehmer wird herumgeleuchtet

Doch das neue Licht kann das mit mehr als einer Million computergesteuerten Segmenten noch viel besser. Die Möglichkeiten, einzelne Objekte an- bzw. nicht anzuleuchten, sind praktisch unendlich groß. Andere Verkehrsteilnehmer lassen sich zum Beispiel noch wesentlich präziser abschatten – Blendung ausgeschlossen. "Wir können zum Beispiel auf der Autobahn den Vordermann im Lichtkegel aussparen, aber das Verkehrsschild über ihm anleuchten", sagt Böke. Auch an die Eigenblendung wurde gedacht. Reflektiert ein Verkehrsschild das kräftige LED-Licht zu stark, wird es einfach weniger stark angeleuchtet als die übrige Umgebung.

Der Ingenieur vergleicht den Sprung vom bisherigen Matrix-LED-Licht zum Digital Light mit dem Entwicklungsschritt von der Digitaluhr zur Smartwatch. "Besonders die Lichtverteilung direkt vor dem Fahrzeug ist nun wesentlich homogener." Um die Leuchtweite ginge es dabei gar nicht so sehr, denn da sei der gesetzliche Spielraum von 650 Metern ohnehin längst erreicht.

Genug der Theorie, wir wollen wissen wie das Ganze in der Praxis aussieht und fahren mit dem Maybach ins Sindelfinger Umland. Schon auf den ersten Metern fällt sogar dem Laien auf, wie gleichmäßig und hell das Licht die Straße ausleuchtet und wie fließend die Übergänge etwa zwischen dem Stadtlicht (geht mehr in die Breite) und dem Landstraßenlicht (mehr Reichweite) ausfällt. Nahezu unmerklich switcht der Computer zwischen den Modi, je nach Situation und Strecke. Auch das Ausblenden anderer Verkehrsteilnehmer bei der Dauerfahrt mit Fernlicht funktioniert reibungslos – aber das konnten gute Matrix-Leuchten bislang auch schon gut.

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Seinen Trumpf spielt das System aus, als es auf einer dunklen Landstraße am Straßenrand einen Fußgänger erkennt. Plötzlich wird ein Pfeil auf die Straße projiziert, der in Richtung des Menschen weist. "Gleichzeitig wird der Passant gezielt angeleuchtet, damit man ihn besser erkennt," erklärt Björn Böke. "Der Kopf wird aber ausgespart, damit er nicht geblendet wird." Was ein bisschen wie Science-Fiction klingt, funktioniert tadellos und stellt einen echten Sicherheitsgewinn dar. Denn die Statistik der letzten Jahre beweist: Rund die Hälfte der im Straßenverkehr getöteten Fußgänger waren nachts oder in der Dämmerung unterwegs.

Statistik von Getöteten bei Verkehrsunfällen nach Art der Verkehrsbeteiligung

Quelle: Destatis

Autonome Autos können so mit der Außenwelt reden

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Mercedes Benz neue Lichttechnik zu sehen ist der neue Scheinwerfer
Der Projektor sitzt links unten im Scheinwerfer

Der Maybach beherrscht aber noch mehr. Sieben weitere Warnsymbole können vor dem Fahrer im Lichtkegel auftauchen, etwa eine Schneeflocke, wenn die Außentemperatur unter 5 Grad Celsius fällt. Oder ein Abstandssymbol, wenn man zu nah am Vordermann dran ist. Und wo ist der Vorteil im Vergleich zu einer gewöhnlichen Anzeige im Cockpit? "Der Fahrer muss den Blick nicht von der Fahrbahn nehmen, weil die Symbole in seiner natürlichen Blickrichtung erscheinen", sagt Böke. Es seien zwar noch weitere Einblendungen denkbar, aber überfordern wolle man den Fahrer schließlich nicht.

Die Idee ist gut. Doch als es leicht zu regnen anfängt und die Straßen feuchter werden, sind die Symbole nur noch mit Mühe zu erkennen. Für eine wirkliche Warnfunktion ist das noch zu dezent. "Wir könnten die Symbole auch noch heller machen", sagt Böke. "Doch sie dürfen nicht ablenken oder andere Autofahrer irritieren". Bei einer verengten Baustellenspur auf der Autobahn werden zum Beispiel zwei Leitlinien auf die Straße projiziert, die der eigenen Fahrzeugbreite entsprechen – so sieht man genau, wie viel Platz noch zwischen Lkw und Leitplanke beim Überholen bleibt. Wären die Linien aber zu stark zu sehen, könnte der Nebenmann irritiert sein. Eine Gratwanderung für die Entwickler.

Wenn in Zukunft Autos autonom fahren, könnten sie mit dieser Technik auch mit der Außenwelt kommunizieren. Damit zum Beispiel ein Fußgänger weiß, ob das Auto anhält und ihn über die Straße lässt, kann das Fahrzeug einen Zebrastreifen auf die Straße projizieren. Zwar wäre die Technik heute schon so weit, erlaubt ist das aber noch nicht. Und wenn künftig alle Autos Symbole auf die Straße pinseln? Das könnte schnell zu viel des Guten sein. Doch diese Gefahr besteht momentan noch nicht: Mehr als eine Hand voll Maybachs werden damit in den nächsten Jahren nicht zu sehen sein.


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ADAC Check: Das sind die Vor- und Nachteile bisheriger Lichtsysteme

Lichttechnik Vorteile Nachteile
Halogen + kostengünstig
+ Leuchtmittel auch durch Laien austauschbar
- unnatürliche Lichtfarbe
- geringe Helligkeit
- geringe Lebensdauer
Xenon + verbesserte Helligkeit
+ natürliche Lichtfarbe
+ verbesserte Lebensdauer               
- teuer 
LED/Matrix-LED + verbesserte Helligkeit
+ natürliche Lichtfarbe
+ hohe Lebensdauer
+ optimal skalierbar
+ individuelle Segmente ansteuerbar
+ große Gestaltungsvielfalt
+ geringerer Energiebedarf
- teurer als Halogen
- bei Defekt einzelner LEDs nur komplett austauschbar
Laser + herausragende Helligkeit
+ hohe Lebensdauer
+ optimal skalierbar
- technisch sehr aufwändig
- sehr teuer
- wegen Blendgefahr Nutzung nur in bestimmten Situationen verwendbar

 

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Text: Jochen Wieler. Fotos: ADAC/Jochen Wieler (3), PR (6).

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(acfo)