Kunststoff-Auto K67 von Bayer: Design-Klassiker – auch nach 50 Jahren garantiert rostfrei

12.12.2018

Kunststoffe sind aus dem Autobau heute nicht mehr weg zu denken. Bayer hat in Zusammenarbeit mit BMW schon vor 50 Jahren bewiesen, dass man ein ganzes Auto aus Kunststoff bauen kann. Wie fährt sich der Oldtimer heute?

Kunststoffauto Bayer K67 fahrend von der Seite
Schnittig: Kunstoffauto K67 von Bayer und BMW 
  • Ausfahrt mit dem letzten fahrbereiten Exemplar
  • BMW-Technik unter dem Design von Hans Gugelot
  • 850 Kilo Leergewicht: Leichtes Spiel für 120 PS-Motor

 

Ein ganzes Auto aus Kunststoff bauen? Das scheint in Zeiten, da Meeres-Plastik die Schlagzeilen beherrscht, Supermarkt-Tüten verpönt sind und auch Plastik-Strohhalmen der Kampf angesagt ist, weder eine besonders erfolgsversprechende Idee, noch übertrieben revolutionär; schließlich gibt es ohnehin schon reichlich Kunststoffteile im Auto. Oder doch nicht?

In der Tat sind aktuell nur verhältnismäßig geringe 15 Prozent eines Neuwagens aus Poly-Carbonat, -Propylen, -Urethan und Co. gefertigt. Tendenz steigend, denn mit zunehmender Elektromobilität und Automatisierung treten Kernkompetenzen des Kunststoffbaus wie Gewichtsreduktion, sichere Batterieumhausungen oder individuelles Design weiter in den Vordergrund.

BMW & Bayer: Bayerisch-rheinische Koproduktion

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Kunststoffauto Bayer K67 fahrend von vorne
Doppelscheinwerfer und ein leuchtendes Orange wie am ersten Tag 

Die Idee, ein ganzes Auto aus Kunststoff zu bauen, kam allerdings gar nicht erst dieser Tage auf. Sondern vor mehr als fünfzig Jahren, als Blech, Stahl und Glas noch den Autobau dominierten.

Die genauen Umstände, die zu dieser Revolution führten, sind nicht mehr bekannt, wahrscheinlich spielte wieder einmal der Zufall den Zeitläuften in die Hände. Auf jeden Fall ergab es sich Anfang der 60er Jahre, dass BMW-Manager Paul Hahnemann, den sie Nischen-Paule nannten, und der damalige Bayer-Vorstand Hermann Holzrichter aufeinander trafen, und, vielleicht bei einem edlen Tropfen aus dem Bayer-eigenen Weinkeller, eine gemeinsame Idee entwickelten.

Sollte der Leverkusener Chemie-Gigant die Kunststoffentwicklung übernehmen, so die Ansage des Münchners, werden die Bayern die Fahrzeugtechnik bereit stellen. Die Idee ließ die beiden Geschäftsmänner nicht mehr los.

Vor allem für die Ingenieure der einstigen Bayer-Kunststoff-Sparte Material Science, die inzwischen als eigenständiges Unternehmen – Covestro* – zum weltweit führenden Anbieter für die Grundstoffe Polyurethan und Polycarbonat aufgestiegen ist, war es eine einmalige Chance, die Autoindustrie auf den Geschmack zu bringen – und damit die eigenen Auftragsbücher zu füllen.

Also wurde aus der Idee eine Vision, und die wurde Realität: Im Herbst 1967 erblickte der kurzerhand K67 getaufte, knall-orange leuchtende Sportwagen auf der Düsseldorfer Kunststoffmesse das Licht der Welt.

Eines von ursprünglich fünf Exemplaren fährt noch

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Kunststoffauto Bayer K67 fahrend von hinten
Design oder Nichtsein: Flach abfallende Dachlinie mit gläserner Kuppel

Das besondere am K67: Nicht nur die Karosserie bestand aus Kunststoff – das haben auch andere Autobauer schon hinbekommen, man denke nicht zuletzt an den Trabant von Sachsenring! Beim Covestro-Auto besteht allerdings auch die Bodengruppe aus glasfaserverstärktem Epoxidharz, der Tank ist aus rotationsgegossenem Polyamid und zum ersten Mal kam ein Armaturenbrett aus geschäumten Polyurethan zum Einsatz.

Ein ganzes Team hat mehrere Jahre am K67 gearbeitet, schließlich ging es nicht darum, nach Modellbau-Manier einen Prototypen zusammenzuflicken, sondern ein serienreifes Auto zu entwickeln, das eine Straßenzulassung erhalten kann.

Schon damals schrieb der Gesetzgeber dafür vor, dass mindestens fünf Fahrzeuge gebaut werden mussten – und das diese die einschlägigen Crashtests überstehen. Denen sind drei der fünf gebauten Exemplare zum Opfer gefallen, ein weiteres Fahrzeug schmückt das Deutsche Museum in München.

Einen einzigen K67 aber gibt es noch, der regelmäßig aus der Levekusener Covestro-Garage ins Freie gelassen wird und frischen Fahrtwind durch seinen Kühlergrill einatmen darf – und der mit seinem leuchtenden RAL-2000-Lack an einem drückend-heißen Sommertag mit der Sonne um die Wette strahlt.

Französischer Charme, italienischer Stil

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Kunststoffauto Bayer K67 stehend
Vom Reißbrett des Designers Hans Gugelot: Der K67 

Der Zahn der Zeit, so scheint es, hat kein bisschen am K67 genagt: Weder am Kunststoff, der so frisch ausschaut, als wäre er gerade erst dem Chemielabor entsprungen, noch am Design. Hans Gugelot*, der unter anderem für Braun Elektrorasierer* und Schallplattenspieler* sowie Wagen für die Hamburger U-Bahn* entworfen hat, zeichnete persönlich die filigranen Linien des K67. Er hat italienischen Sportwagen-Stil mit französischem Charme verbunden.

Gugelot legte Wert auf Details, an denen man sich gar nicht satt sehen kann: Die schier unendlich lange Haube, die aufgesetzten Talbot-Spiegel mit integrierten Blinkern, die nicht vorhandenen Türgriffe, der in die C-Säule eingelassene Tank-Deckel, die schmale Front mit den runden Scheinwerfern, das weit nach hinten gerückte Greenhouse, die flach abfallende Dachlinie mit der gläsernen Kuppel, das eingezogene Heck, mit den BMW-typischen 60er-Jahre-Rundleuchten.

Wir lassen unsere Finger über die weichen Kanten streichen, schleichen zweimal, dreimal, viermal staunend um den Wagen, der wie eine Eins da steht. Und der jetzt endlich wieder auf die Straße darf. Die Lizenz dazu hat er, frisch aufgeklebt bescheinigt die Tüv-Plakette auf dem LEV-K-67-H-Kennzeichen, dass das Kunststoffauto auch heute noch allen Sicherheitsvorschriften entspricht.

K67: Ein Auto, kein Computer

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Kunststoffauto Bayer K67 fahrend von der Seite
Lenken, und erst recht bremsen verlangt Körpereinsatz

Nach dem Anlassen weht uns allerdings erstmal der Duft der Vergangenheit um die Nase. Benzin liegt in der Luft, ein Geruch, der reicht, um bei jeder modernen Abgasnorm-Prüfung durch zu fallen. Zum K67 aber gehört er, wie das Zweitakt-Knattern zum Trabant.

Schließlich ist der K67 kein ausgefeilter High-Tech-Computer, sondern ein richtiges Auto. Eins, das mit vollem Körpereinsatz gefahren werden will, wie wir beim Einlegen des ersten Ganges und erst recht beim ersten Bremsversuch deutlich spüren.

Trotzdem wirkt der K67 nach wenigen Kilometern schon vertraut. Vielleicht liegt es daran, dass die Technik unter dem Blech – pardon: Kunststoff – nicht unbekannt ist: Für den Antrieb sorgt der gleiche Zwei-Liter-Sauger, der auch im BMW 2000 zum Einsatz kam – und dessen Erbauer es sich nicht haben nehmen lassen, sich auch im K67 mit dem weiß-blauen Propeller-Logo auf dem Schalthebel des Viergang-Getriebes zu verewigen.

Dass der Vierzylinder mit seinen 120 PS wahrlich leichtes Spiel mit dem K67 hat, merkt man schnell. Schließlich wiegt das Bayer-Auto – Kunststoff sei Dank – doch nur schlappe 850 Kilogramm.

Das, zusammen mit der windschnittigen Form, befähigte den Leverkusener zu seinerzeit beachtlichen 190 km/h Höchstgeschwindigkeit. Ob er die heute auch noch erreicht? Wir haben es nicht ausprobiert.

Zu groß ist die Angst, dass die Kraft im rechten Bein doch nicht reicht, um den Wagen wieder sicher zum Stehen zu bringen. Und der Respekt, vor dem letzten ersten Vollkunststoff-Auto der Welt.

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Text und Fotos: Michael Gebhardt.

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