Husqvarna Vitpilen 701: Lifestyle auf zwei Rädern

20.9.2018

Eine der ältesten Motorradmarken der Welt – Husqvarna aus Schweden – macht von sich reden: Mit Technik von KTM und skandinavisch-puristischem Design. Dazu: Bilder, technische Daten, Preise

Husqvarna Vitpilen fahrend
Progressiv und puristisch gestylt, dazu eine echte Fahrmaschine: Die Husqvarna Vitpilen 701 vereint skandinavisches Design mit österreichischer Technik
  • Einzylinder-Bike mit 75 PS für 10.195 Euro
  • 4,0 Liter Verbrauch je 100 km
  • Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h

 

Die neue Husqvarna Vitpilen 701 ist ein Multikulti-Produkt: Der Franzose Maxime Thourenin verpasste der österreichischen Technik ein außergewöhnliches Design, um der schwedischen Traditionsmarke Husqvarna einen modernen Auftritt zu ermöglichen. Ihr Aussehen: Extrem puristisch und schnörkellos, mit klaren, fast strengen Linien – wie man es von skandinavischer Formgebung her gewohnt ist. Und nicht nur das: Die Vitpilen ("weißer Pfeil" auf Schwedisch) fährt sich auch so. Doch das ungewöhnliche Einzylinder-Motorrad hat seinen Preis: 10.195 Euro – weit mehr als etwa für die gleich starke KTM 690 Duke, die den Motor gespendet hat. Ist die Vitpilen so viel Geld wert?

75 PS aus nur 0,7 Liter Hubraum

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Husqvarna Vitpilen Motorblock close
Der stärkste Serien-Einzylinder der Welt

Das Herz von Husqvarnas neuem Straßenmotorrad schlägt wuchtig polternd im Single-Takt: Der Serien-Einzylinder hat nur knapp 0,7 Liter Hubraum, verblüfft aber mit 75 PS Leistung und 72 Nm Drehmoment. Die müssen mit der federgewichtigen Maschine nur 166 Kilogramm vorantreiben – und das geschieht mit aller Wucht. Vorausgesetzt, die Drehzahl stimmt. Denn die maximalen PS liegen erst bei 8500 U/min an, die maximale Schubkraft bei 6750 U/min und somit nur unwesentlich früher. Unterhalb von 3000 Touren wirkt der Antrieb der Vitpilen 701 mürrisch und lustlos, um dann förmlich zu explodieren. 

Beim Versuch, die Husqvarna Vitpilen 701 deutlich von ihrem Technikspender KTM 690 Duke abzugrenzen, ist ein sehr eigenwilliges Motorrad entstanden – eine Mischung aus Allrounder, Streetfighter und Café Racer. Der Fahrer sitzt 83 cm hoch über dem Asphalt, fast wie bei einer Enduro. Dennoch ist der Kniewinkel recht eng. Und um zum Lenker zu greifen, muss man sich weit nach vorne beugen.

Eine Tankfüllung reicht für 300 km

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Husqvarna Vitpilen von der Seite
Die Husqvarna Vitpilen 701 entstand auf Basis der KTM 690 Duke

Der Hersteller nennt die Vitpilen eine "urbane Ikone". Tatsächlich ist sie wie geschaffen fürs städtische Gesehenwerden. Doch dank Technik aus dem KTM-Regal eignet sie sich auch für die Kurvenhatz auf Landstraßen sehr gut. 4,0 l/100 km WMTC-Verbrauch (unser Testverbrauch lag lediglich 0,4 l darüber) sorgen dafür, dass man trotz des 12 l kleinen Spritvorrats mit einer Tankfüllung rund 300 km weit kommt – für ein derartiges Bike mehr als genug. Verwirrend während der Fahrt: Der Kupplungshebel ist ziemlich kurz geraten.

Haftungsgrenze der Reifen: 60 Grad

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Husqvarna Vitpilen fahrend
Eine "urbane Ikone" nennt Husqvarna selbst seine lifestylige Mittelklasse

Das schmale und hyperagile Motorrad legt sich wie von selbst in Kurven oder geht in der Stadt fast von allein ums Eck. Die mögliche Schräglage wird nicht wie sonst von aufsetzenden Fußrasten bestimmt. Bei der Vitpilen 701 setzt alleine die Haftungsgrenze der Serienbereifung die Grenze, und die soll laut Zulieferer Bridgestone bei enormen 60 Grad liegen. Dass durchschnittliche Motorradfahrer dies nie ausschöpfen werden, wird spätestens klar, wenn man weiß, dass selbst in der MotoGP die Schräglage der Rennmaschinen derzeit bei 68 Grad liegt.

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Auch der Beifahrer sitzt bequem

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Husqvarna Vitpilen
Für den Sozius wenig Platz, viel Komfort

Überraschend: Der knapp dimensionierte Beifahrer-Platz bietet mehr Komfort als gedacht. Aber den größten Fahrspaß genießt der Fahrer im Solobetrieb. Dabei kommen die Stärken der schwedisch-österreichischen Fahrmaschine zum Vorschein, vor allem das Leistungsgewicht von nur 2,21 kg pro PS. Zum Vergleich: Die als sehr spritzig geltende BMW F 800 R hat zwar mit 90 PS deutlich mehr Leistung, aber mit 202 kg auch erheblich mehr anzutreiben – und daher mit 2,24 kg/PS ein schlechteres Leistungsgewicht als der "weiße Pfeil". 

Wegen ihres recht stolzen Preises (10.195 plus 360 Euro Nebenkosten) muss sich die Husqvarna den Vergleich mit gleich zwei Konzernschwestern von KTM gefallen lassen. Und zwar nicht nur mit der gleich starken und dabei mehr als 1500 Euro günstigeren 690 Duke. Sondern auch mit der neuen Zweizylinder-Mittelklasse der Österreicher. Denn selbst die 105 PS starke 790 Duke ist bereits für 9790 Euro zu haben. Allerdings stellt die progressive Husqvarna Vitpilen 701 auch ein sehr prägnantes Statement dar – und Lifestyle hat nun mal seinen Preis.

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Wechselhafte Geschichte von Husqvarna

Nach Royal Enfield und noch vor Harley-Davidson ist Husqvarna die zweitälteste Motorradmarke der Welt, die ohne Unterbrechung produziert hat. Die Schweden begannen 1903 mit dem Bau von Motorrädern. Nach jahrzehntelangen Erfolgen vor allem abseits asphaltierter Straßen (Enduro, Motocross) ging die Marke 2007 bis 2013 an BMW. Diese Phase war wenig erfolgreich, obwohl sie die bis heute legendäre Nuda 900 hervorbrachte – ein hyperagiles Street Bike auf Basis der BMW F 800 GS.

Auf die Bayern folgten die Österreicher: Heute gehört Husqvarna zu KTM. Nach gemeinsamen Offroad-Projekten soll die legendäre Motorrad-Marke jetzt wieder befestigte Straßen erobern: Im April 2018 gingen die Vitpilen und Svartpilen ("weißer" und "schwarzer Pfeil") an den Start – der urbane Roadster Vitpilen als 701 und 401 mit 690 oder 375 ccm Hubraum, die etwas robustere Svartpilen (u.a. mit grobstolligeren Reifen) nur als 401.

Steckbrief

Technische Daten Husqvarna Vitpilen 701                    
Motor Flüssigkeitsgekühlter Viertakt-Einzylinder-Motor, vier Ventile, zwei Ausgleichswellen, Hubraum 693 ccm, Leistung 55 kW/75 PS bei 8.500 U/min, max. Drehmoment 72 Nm bei 6.750 U/min, Sechsganggetriebe, Kette                    
Fahrwerk Stahl-Gitterohrrahmen, vorn Upside-Down-Gabel mit 43 mm Tauchrohrdurchmesser, Zug- und Druckstufendämpfung verstellbar, hinten Aluminium-Zweiarmschwinge, Zentralfederbein mit Hebelsystem, Federbasis und Zugstufendämpfung verstellbar, vorn Doppelscheibenbremse, Durchmesser 320 mm, Vier-Kolben-Festsattel, hinten Einscheibenbremse, Durchmesser 240 mm, Ein-Kolben Schwimmsattel, Traktionskontrolle, Bosch-ABS. Reifen vorn 120/70 ZR17, hinten 160/60 ZR17 
Maße und Gewichte
Radstand 1434 mm, Tankinhalt 12 Liter, Sitzhöhe 830 mm, Gewicht fahrfertig 166 kg, zul. Gesamtgewicht: 350 kg
Messwerte Höchstgeschwindigkeit ca. 200 km/h, 0-100 km/h k.A., WMTC-Kraftstoffverbrauch kombiniert: 4,0 l/100 km                    
Preis 10.195 Euro                    

Text: Ralf Schütze, Fotos: Ralf Schütze, PR.

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