Auto & Innovation

Generationen-Treff: Ford Fiesta Baujahr 1976 und sein 2017-er-Urenkel

29.9.2017

Gut 40 Jahre Technik-Entwicklung stecken im neuen Ford Fiesta. Wir checken: Wo zeigen sich die größten Fortschritte? Und war früher auch etwas besser? Dazu alle technischen Daten, Fakten und Infos

Generationen-Treff: Ford Fiesta Baujahr 1976 und sein Urenkel von 2017 im ADAC Motorwelt-Vergleich
Jung und alt nebeneinander: Ford Fiesta Baujahr 2017 und 1976

Der kleine Ford hat eine beachtliche Erfolgsgeschichte hingelegt. Mehr als 15 Millionen Fiestas wurden bis heute verkauft. Dabei hatte er es am Anfang richtig schwer. Immerhin trat er in seinem Preissegment gegen den Audi 50 und den VW Polo an. Den Ur-Fiesta gab es 1976 mit Benzinmotoren von 40 bis 53 PS, zu Basispreisen zwischen 8.440 und 9.900 DM. Der jährliche Durchschnittslohn lag zu dieser Zeit bei 22.000 DM.

Die achte Generation des Ford Fiesta wird immer noch in Köln gebaut. Das Auto dürfte für die nächste Zeit eine sichere Bank sein, auch wenn noch keine E-Version geplant ist. Die fünf Benziner (70 bis 140 PS) und zwei Diesel (85 und 120 PS) starten mit Basispreisen zwischen 12.940 und 20.800 €. Besser ausgestattet kostet der Fiesta also auch heute noch mehr als die Hälfte eines durchschnittlichen Jahresgehalts von ca. 38.000 €.

Erst mal den Choke ziehen

Moment, da war doch noch was! Ach ja: Einen Choke musste man anno 1976 ziehen, damit das Auto ansprang. Jetzt, der Motor schüttelt sich, die Drehzahl schwankt, aber er läuft. Der Auspuff des Fiesta röhrt und brummt, als sei hier ein kleiner Kraftmeier am Werk – mit 53 PS. Das aktuelle Modell klingt da deutlich gesitteter dank aufwendiger Abgas- und Auspufftechnik.

Die Testfahrt mit dem quietschgrünen Fiesta, Baujahr 1976, geht los. Was macht der nachfolgende Verkehr? Ich will das Museumsstück ja nicht kaputt fahren. Oh Schreck, es fehlt der rechte Außenspiegel. Dass das normal war in den 70er-Jahren, auch das hatte ich schon fast vergessen. So wie es normal war, dass Autos dieser Zeit weder Servolenkung noch Airbags, geschweige denn ESP hatten. Immerhin gab’s Kopfstützen für den Fiesta – aber nur gegen Aufpreis.

Ich fahre raus aus der Stadt, rieche eine Fahne aus Abgas und Benzin wie früher. Bei 60 km/h schalte ich schon in den vierten und höchsten Gang. Nach Gehör, wie man es gelernt hat. Heute brauchst du fürs Schalten eine Anzeige. Im neuen Fiesta kannst du den ersten Gang bis 50 km/h hochziehen, und es hört und fühlt sich trotzdem gesund an. 

 

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Radio hören auf Mittelwelle

Dann das Radio: keine Kassette, kein CD-Schacht, kein Display. Nur fünf dicke Tasten, drei für UKW, zwei für Mittelwelle. Fragen Sie mal einen Zehnjährigen, ob er weiß, was eine Mittelwelle ist – Sie könnten interessante, sehr kreative Antworten erhalten. Aus den Tiefen der kantigen Karosserie dringt ein Klangbrei aus Mahlen, Knirschen, Scheppern.

Im Fiesta Jahrgang 2017 mahlt, knirscht, scheppert gar nix. Fantastisch, was die Ingenieure heute an Geräuschdämmung, Reibungsminimierung und Federungskomfort hinbekommen. Selbst ein holperiger Bahnübergang bringt den neuen Fiesta nicht aus der Ruhe. Du siehst die Schwellen, aber du spürst sie kaum, wenn du drüberfährst. Und damit ist natürlich auch der Musikgenuss aus dem digitalen Entertainment-System ein ganz anderer.

Natürlich gibt es im Oldie-Fiesta keine Klimaanlage. Ein dreistufiges Gebläse mit einem Schieberegler für kalt/warm und einem für oben/unten sowie die Mitte. Das reichte. Okay, oft auch nicht, weil die Scheiben von innen beschlugen. Aber das wäre fast eine eigene Geschichte, weil es im neuen Fiesta auch nicht immer 100-prozentig klappt.

Nichts piepst, bimmelt oder leuchtet

Der Zeiger im Tacho des Oldie steht auf 80 km/h. Es kommt mir schnell genug vor. Vor allem laut genug. Im neuen Fiesta schläfst du bei diesem Tempo ein. Ich halte an, weil etwas im Kofferraum hin und her fliegt. Aber stopp, der Schlüssel! Ich brauche den Schlüssel, um die Heckklappe zu öffnen. Auch das ist völlig ungewohnt inzwischen. Fast lasse ich ihn dort liegen, als ich die Klappe wieder zuwerfe.

Allmählich wird es heiß im Auto, ich muss das Fenster öffnen. Per Kurbel, klar. Komisch: Es gibt kaum lästige Luftverwirbelungen durch das geöffnete Fenster. Der linke Arm hängt raus zur Kühlung. Das entspannt. Und überhaupt: Im Retro-Fiesta bimmelt und piept nichts, wenn du ein- oder aussteigst; es leuchten keine Lämpchen, wenn du zu dicht auffährst oder weil sich ein Auto im toten Winkel befindet; es greift dir niemand ins Lenkrad, und es rattert nicht, wenn du mal ein bisschen über die Mittellinie fährst. In modernen Autos fühlst du dich im Namen der Sicherheit oft bevormundet. In den alten nicht. Denen ist völlig wurscht, ob irgendwo eine Gefahr lauert.

Hier bin ich uneingeschränkt der Boss. Und kehre um, weil ich einen Abzweig übersehen habe. Im neuen Fiesta wäre das dank Navi wohl kaum passiert. Gut, dass wir keine Vollbremsung machen müssen: Ich fürchte, das würde der Oldie nicht unbeschadet überstehen. Beim Wenden ist der Rückwärtsgang gefragt. Schaltstock runterdrücken oder einen Ring ziehen? Nein, einfach mit etwas Nachdruck in die Richtung zirkeln, dann ist er irgendwann drin, irgendwie. Die Sitze sind weich, die Lenkung schwammig. Locker und sicher eine Vollbremsung mit ABS und ESP hinlegen und messerscharf, ohne Seitenneigung durch Kurven eilen und sich dabei sicher und wohlbehütet fühlen wie im aktuellen Modell? Keine Chance.

Rund 60 Prozent der Fiesta-Käufer sind bisher Frauen gewesen. Der neue hat jetzt sogar zwei Schminkspiegel. Jasmin, eine junge Kollegin, erzählt: „Mein erstes Auto war ein Fiesta. Der ist oft nicht angesprungen, manchmal auch während der Fahrt einfach ausgegangen. Aber mit ihm hat man noch Autofahren gelernt. Heute parken die Autos ja von selbst ein.“ Kollegin Beate, bestes Mittelalter, ergänzt: „Mein Fiesta hieß Pumuckl. Ich habe ihn geliebt. Und bin ihn gefahren, bis er mir weggerostet ist.“

Das Fazit der Redaktion

Der Ford Fiesta der achten Generation versucht, wie alle modernen Autos, den Fahrer zu unterstützen, wo er nur kann. Er navigiert, korrigiert die gewählte Kurvenlinie, fordert zum Anschnallen und Bremsen auf oder empfiehlt ungefragt eine Pause. Aber er lässt dich nie in Ruhe Auto fahren. Natürlich scheppert und knirscht nichts. Lenkung, Fahrwerk und Federung sind spitze. Der Motor ist kräftiger, laufruhiger, sparsamer. Nur die Kabel im Motorraum sind noch genauso ungeschützt wie früher.

Beim Ur-Fiesta hatte das Lenkrad weder einen Airbag noch einen Pralltopf noch Bedienknöpfe – es war einfach nur zum Lenken da. Auf der Ablagefläche vor dem Beifahrer konnte man all sein Zeug loswerden. Das Schaltgetriebe würde heute bei jedem Autotest durchfallen. Prima war, dass das „Handbuch“ sehr übersichtlich ausfiel: ein DIN-A4-Faltblatt. Heute sind die Dinger Hunderte von Seiten dick.

Text: Wolfgang Rudschies Fotos: Sebastian Pfütze. (acfo)

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Technische Daten

  2017 Ford Fiesta 1.0 Titanium
1976 Ford Fiesta 1,1 Ghia
Motor / Antrieb 3-Zylinder-Benziner, elektronische Direkteinspritzung, Turboaufladung, Frontantrieb
4-Zylinder-Benziner, einfacher Vergaser, Frontantrieb
Hubraum 998 cm³
1.087 cm³
Leistung  74 kW/100 PS bei 4.500 U/min
39 kW/53 PS bei 5700 U/min
Drehmoment  170 Nm bei 1500 U/min
80,5 Nm bei 3.000 U/min
0–100 km/h  10,5 s  18,6 s 
Vmax 183 km/h  148 km/h 
Kraftstoffverbrauch  3,6–5,4 l Super  8,5–10,5 l Super
Länge/Breite/Höhe  4,04/1,74/1,48 m 3,58/1,57/1,36 m 
Radstand  2,49 m  2,29 m 
Leergewicht  1.144 kg  730 kg
Zuladung  486 kg  430 kg 
Wendekreis  10,1 m  9,8 m 
Kofferraumvolumen  269 l  225 l 
Tankvolumen  42 l  34 l 
Preis 18.150 €  11.505 DM