Autonom, elektrisch, futuristisch: Fahrbericht Smart Vision EQ

8.11.2017
So stellt sich Daimler die Zukunft vor: Intelligente, autonom fahrende Roboter-Taxis kutschieren Carsharer durch die Stadt. Unser Reporter konnte den Smart Vision EQ in Tokio schon testen

Vision und Wirklichkeit: Smart der Zukunft trifft auf Manga-Mädchen aus der Comic-Szene Tokios

Eigentlich ist uns Tokio nur um sieben Stunden voraus. Doch im Stadtteil Akihabara misst man die Zeitverschiebung besser in Jahren. Hier schlägt das Herz der japanischen Comic- und Spielewelt, Menschen kleiden sich wie Manga-Charaktere, und ab und zu begegnet man sogar einem Roboter. Sie leben in ihrer eigenen Zeit, und die Grenzen zwischen Gegenwart und Zukunft, zwischen Vision und Wirklichkeit lassen sich nicht immer trennscharf ziehen.

Genau das richtige Terrain also für ein Auto wie den Smart EQ. Schließlich ist die knuddelige Designstudie, die Daimler vor ein paar Monaten auf der IAA in Frankfurt enthüllt hat, ebenfalls zwischen den Zeiten gefangen. Denn sie zeichnet eine sehr realistische und trotzdem sehr ferne Vision vom Stadtverkehr der Zukunft: Elektrisch und nur im Carsharing zu haben, soll die gläserne Knutschkugel als autonomes Robo-Taxi durch die Städte surren. Den Verkehrskollaps in Megacitys wie Tokio oder Peking wird das zwar nicht verhindern, aber vielleicht etwas hinauszögern.

Heute Vision, morgen Wirklichkeit

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Smarter Innenraun: Lenkrad und Pedale sucht man vergebens

Doch in Akihabara geben sie nichts auf Paragrafen oder Algorithmen. Hier haben die Einwohner genügend Phantasie, um sich mit einer simulierten Jungfernfahrt in die nahe Zukunft beamen zu lassen.

Alle Passanten sind neugierig und starren gebannt auf den Winzling mit seinem 81 PS starken E-Motor, der sich blau erleuchtet und im besseren Schritttempo vorsichtig durch die neonbunte Nacht tastet. Doch Angst vor der Technik kennen sie hier nicht. Sobald der Smart EQ am Straßenrand steht und sich die großen Drehtüren wie von Geisterhand öffnen, rutschen die ersten Passanten auf die weiße Sitzbank in der überraschend geräumigen Kugel. Kein Wunder: In großen japanischen Lettern steht „Willkommen“ auf der Leuchtfläche vorne. Normale Autos haben dort den Kühlergrill.

Und der Grill ist nicht das einzige, wovon man sich in diesem Fahrzeug verabschieden muss. Denn auch wenn der Smart aussieht wie ein Auto und natürlich noch immer vier Räder hat, ist er eher eine Art Raumkapsel, in der man sich einer fremden Macht anvertraut. Schließlich gibt es zum allerersten Mal in einem Modell von Mercedes weder Lenkrad noch Pedale.

Aus Carsharing wird Ridesharing

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Platz für zwei: Der Smart sucht unterwegs nach Mitfahrern

Man fühlt sich deshalb ein bisschen seltsam, wenn nicht gar mulmig, wenn sich die Türen schließen und der Smart wie von Geisterhand dem Ziel entgegenrollt, das man vorher auf dem Smartphone in die App getippt hat – und vor allem fühlt man sich plötzlich ziemlich einsam.

Aber in der Vision der Smart-Strategen bleibt man an Bord des EQ ja nicht lange allein. Denn anders als bislang bei Car2Go ist der EQ nicht nur für das Car- sondern auch für das Ridesharing konzipiert und deshalb ständig auf der Suche nach weiteren Mitfahrern: Mögliche Passagiere kündigen sich auf dem großen Display mit einem ziemlich detaillierten Profil höflich an. Nur Schelme denken dabei sofort an eine Partnervermittlung...

Der zweite Fahrgast spart übrigens nicht nur ein weiteres Auto auf den vollen Straßen der Zehn-Millionen-Metropole ein, er hebt auch die Stimmung im Smart. Je mehr geplaudert wird, desto weniger nervös und gespannt verfolgt man die Arbeit des Autopiloten, zieht nicht mehr so ängstlich am Beckengurt, wenn der Smart im Verkehrsfluss bremst oder beschleunigt und vergisst deshalb irgendwann, dass man der Technik dieses Autos völlig ausgeliefert ist.

Doch kurz darauf ist die Jungfernfahrt abrupt beendet. Der Smart Vision EQ rollt langsam am Straßenrand aus, öffnet automatisch die großen Türen – und bittet so seine Gäste, unmissverständlich in die Gegenwart zurückzutreten.

Text: Thomas Geiger. Fotos: PR.

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