Auto & Innovation

Testfahrt in die Zukunft – im autonomen Renault Symbioz

22.12.2017

Auf der IAA hat Renault seine extravagante Studie Symbioz enthüllt. Jetzt demonstriert das weiterentwickelte Demo Car seine autonomen Fahrkünste. Wir haben uns damit chauffieren lassen. Erster Fahrbericht

Dass eine Messe-Studie heutzutage elektrisch vorfährt, gehört zum guten Ton, und dass sie ihren Weg selber findet, ist auch keine Seltenheit mehr. Renault ging auf der IAA im Herbst noch einen Schritt weiter und stellte mit dem Symbioz Show Car eine integrierte Haus-Auto-Kombination. Der Wagen parkt sich selbstständig mitten im Wohnzimmer ein und soll demonstrieren: Das Auto wird fester Bestandteil unserer Lebenswelt. Wenn das aktive Fahren wegfällt, können wir hier zum Beispiel arbeiten, kommunizieren, Filme schauen oder schlafen.

Der Symbioz wirkt schon ziemlich seriennah

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Renault Symbioz parkt selbstständig im Wohnzimmer
Das Auto parkt selbstständig ein – wenn es sein muss, auch im Wohnzimmer

Ein Vierteljahr ist seit der Frankfurter Auto-Show vergangen, in dem die Renault-Ingenieure den Symbioz vom Show Car zum Demo Car weiterentwickelt haben. Der 4,92 Meter lange Prototyp sieht deutlich serienreifer aus als die Messe-Studie. Die Proportionen erinnern an eine Mischung aus Van, Limousine und Coupé – ungewohnt, aber nicht zu futuristisch. Am weitesten von einer möglichen Serienfertigung entfernt sind die ausgestellten Windabweiser an der C-Säule. Allerdings haben die Franzosen gar nicht vor, den Symbioz in ein straßenfertiges Auto zu verwandeln. Das Concept Car soll lediglich demonstrieren, was möglich ist.

Natürlich werden wir einzelne Teile und vor allem Techniken davon aber in zukünftigen Renault-Modellen wiederfinden. Allein für ein Show Car würde Renault keine neue Plattform entwickeln; noch dazu eine, die sich schon ziemlich fertig anfühlt: Der 72 Kilowattstunden große Akku sitzt im Fahrzeugboden, den Antrieb übernehmen zwei Elektromotoren an der Hinterachse, die ihre Kraft jeweils an ein Rad abgegeben.

Zusammen leisten die beiden Aggregate 360 kW/490 PS und entwickeln 550 Newtonmeter; die Spitzenleistung liegt bei 500 kW/680 PS und 660 Newtonmeter Drehmoment. Das reicht, um das 2,2, Tonnen schwere Concept Car locker in sechs Sekunden auf Tempo 100 zu bringen. Anders als so manch klapprige Fingerübung, fährt sich der Symbioz-Antrieb recht ausgereift und meistert auch flotte Beschleunigungsmanöver problemlos.

Zurücklehnen und entspannen

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Relax-Modus: Renault Symbioz fährt auch autonom
Einfach mal loslassen: Jetzt nimmt der Computer das Steuer in die Hand

Wie scharf der Symbioz reagiert, lässt sich mit einem Druck auf das Renault-Logo im viereckigen Lenkrad beeinflussen: Im Classic-Modus ist er bequemer Gleiter, schaltet man auf Dynamic, fasst er jedes Zucken im rechten Fuß als Marschbefehl auf. Passend dazu verändern die großen, von LG zugelieferten OLED-Displays rund ums Lenkrad ihre Anzeige, das Glasdach verdunkelt sich, und der Sitz bekommt mehr Seitenhalt.

Überhaupt haben die Ingenieure viel Gedanken in das Gestühl investiert: Zum Ein- und Aussteigen senken sich die Seitenwangen ab und hinterlassen eine einfacher zu enternde, ebene Fläche. Erst beim Motorstart fahren die Polster wieder hoch. Das Besondere ist aber der Relax-Modus, der für den autonomen Fahrmodus vorgesehen ist. Um den zu aktivieren, muss der Symbioz erst mal auf der Autobahn ankommen – bei den ersten Testläufen natürlich auf einem speziell präparierten Abschnitt.

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Genaue Positionsbestimmung mit HD-Karten  

Die Versuchsstrecke in der Normandie, gut anderthalb Stunden von Paris entfernt, wurde gemeinsam mit TomTom in HD-Auflösung kartographiert, damit der Symbioz auf 15 Zentimeter genau seine Position bestimmen kann und weiß, wohin der Weg führt. Zusätzlich hat Renault gemeinsam mit dem Autobahnbetreiber den Streckenabschnitt mit einigen Antennen ausgerüstet, die dem Symbioz verschiedene Informationen zufunken.

Sobald der Renault erkennt, dass er auf der Teststrecke unterwegs ist, fordert er den Fahrer im Kombiinstrument zum Aktivieren des autonomen Fahrmodus (AD-Mode) auf, und nachdem der zeitgleich zwei Lenkradtasten zwei Sekunden lang gedrückt hat, übernimmt die Technik das Steuer. 36 Sensoren überwachen dann mit Radar-, Laser-, Ultraschall- und Kameratechnik die Umgebung. Mit dem AD-Mode wird dem Fahrer das Steuer geradezu aus den Händen gerissen: Lenkrad und Instrumententräger rücken um zwölf Zentimeter nach vorne und sorgen so für ein noch luftigeres Raumgefühl. Gleichzeitig fährt der Fahrersitz in die besagte Relax-Position, die zwar ein wenig an einen Zahnarztstuhl erinnert, aber durchaus recht bequem ist.

Das Auto zeigt dem Fahrer in der Scheibe, was es vorhat

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Positionsbestimmung des Renault Symbioz mit HD-Karten auf 15 Zentimeter genau
Autonom unterwegs: Die Positionsbestimmung funktioniert auf 15 cm genau

Alternativ lassen sich im Lounge-Modus die Sessel ein Stück zueinander drehen, damit man besser plauschen kann. Wer sich nicht unterhalten will, setzt sich einfach die Virtual-Reality-Brille auf: Zusammen mit dem Spielehersteller Ubisoft hat Renault ein Entertainment-Programm entwickelt, das den Fahrer durch eine Zukunftsstadt reisen oder mit einem Vogelschwarm durch schöne Landschaften fliegen lässt. Mag sein, dass das wie eine Spielerei wirkt, doch die VR-Brille ist nur ein Übergangslösung. Irgendwann werden solche Szenarien wohl in die Windschutzscheibe projiziert und man kann per Knopfdruck zumindest gefühlt dem nasskalten Wintergrau entfliehen.

Schon heute sieht der Fahrer während des autonomen Betriebs in der Windschutzscheibe, was der Symbioz als nächstes vorhat: Das um eine Augmented-Reality-Funktion erweiterte Head-up-Display malt den Weg sprichwörtlich auf die Straße und zeigt zum Beispiel geplante Spurwechsel an. Oder, dass man sich einer Mautstation nähert. Die kündigt sich dem Symbioz per Funk an und schickt ihm die Koordinaten eines Bezahlhäuschens, zu denen er sich allein mithilfe seiner Sensorik durchschlagen muss.

Das ist auch notwendig. Schließlich wird aus den zwei oder drei geordneten Fahrbahnen an der Mautstelle eine große Fläche mit unzähligen Spuren – ohne Markierungen, an denen sich der Renault orientieren könnte. Wer schon einmal in Frankreich unterwegs war, weiß, welches Chaos hier mitunter entstehen kann. Wie gut, dass der Symbioz sprichwörtlich Nerven aus Stahl hat.

Text: Michael Gebhardt. Fotos: PR.

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