Auto & Innovation

Fahrbericht Mercedes S-Klasse Cabrio: Elegant und fast perfekt

07.12.2017

Die Mercedes S-Klasse hatte schon immer eine gewisse Sonderstellung als Innovationsträger und luxuriöses Fortbewegungsmittel für Wohlhabende. Für Coupé und Cabrio gilt das umso mehr. Erste Ausfahrt im überarbeiteten S560 Cabriolet – sowie alle Daten, Fakten und Preise

 

Unter der langen Haube säuselt ein Achtzylinder. Der Wind streicht übers Haar und kitzelt im Nacken. Cabrio fahren kann im Winter Spaß machen. Vor allem, wenn es im sonnigen Kalifornien stattfindet und das Fahrzeug ein S-Klasse Cabrio ist. So müssen sich also die Schönen und Reichen an der Westküste der USA fühlen – man kann sich daran gewöhnen.

Cabrios haben bei Daimler eine lange Tradition. Schon das erste Fahrzeug, der Benz Patent Motorwagen, war 1886 eines. Doch auch als die meisten Hersteller auf Autos mit festem Dach setzten, schnitten die Schwaben immer wieder die Karosserie auf. Berühmt dafür ist seit 1954 die SL-Baureihe, aber auch die offenen S-Klassen, die bis 1971 den Stars und Sternchen zu mehr Glanz verhalfen.

Optische Neuerungen halten sich in Grenzen

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Traum auf Rädern: Das S-Klasse Cabrio in Kalifornien

Nach 43 Jahren Pause gab es erst 2014 wieder eine S-Klasse als Cabriolet, die jetzt überarbeitet wird. Nötig war das eigentlich nicht. Das Design wirkte immer noch frisch, die Technik auf Höhe der Zeit und die großen Monitore im Cockpit spiegeln immer noch die digitale Zukunft wieder.

Neuerungen gibt es daher nur im Detail: Ein neu gestalteter Kühlergrill, Frontschürzen mit mehr Chrom und größeren Lufteinlässen sowie verchromten Doppelauspuffblenden sind kaum der Rede Wert. Genauso wie "organische" LED-Rückleuchten, die noch etwas markanter wirken als vorher. Doch die feinen Unterschiede dürften nur Auto-Enthusiasten merken – sollten sie denn das seltene Stück tatsächlich einmal zu sehen bekommen.

Fahren kann die S-Klasse längst von alleine

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Trotz gut zwei Tonnen Leergewicht fährt sich das Cabriolet recht agil 

Interessant sind neue Assistenzsysteme, die einen Vorgeschmack auf das autonome Fahren geben. Die Elektronik passt die Geschwindigkeit in Kurven, vor Kreuzungen oder Kreisverkehren mit Hilfe genauer Navigationskarten automatisch an. Bis zu einer Geschwindigkeit von 210 km/h halten Coupé und Cabrio exakt den Abstand zum Vordermann.

Mit einem Blinkerhebel-Tipp setzt das Auto selbständig zum Überholen an, wenn die Nebenspur frei ist. Und der Tempomat stellt sich automatisch auf die zulässige Geschwindigkeit ein.

Kameras erkennen Bodenwellen und Kurven so gut, dass das Luftfahrwerk Unebenheiten regelrecht einsaugt und die Karosserie um bis zu 2,65 Grad zum Kurveninneren neigt. Es ist fast gespenstisch, wie gut das auf einem dichtbefahrenden Freeway rund um Los Angeles funktioniert. Das Cabrio zieht wie ein fliegender Teppich seine Bahn über die sechsspurige Autobahn, warnt vor Staus und übernimmt das Fahren im Stop-and-go-Verkehr. So viel Hightech macht erst einmal sprachlos.

Wenn das Dach im Heck verschwindet beginnt der Spaß

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Gestreckt: Über fünf Meter Länge sorgen für einen eleganten Auftritt

Richtig Spaß macht das S560 Cabriolet auf Landstraßen. Innerhalb von 20 Sekunden verschwindet das dick gepolsterte Dach im Heck. Der 4,0-Liter-V8 brabbelt dezent im Hintergrund. Mit einem Tritt aufs Gaspedal aktivieren sich 469 PS und katapultieren den 2,1 Tonnen schweren Kreuzer innerhalb von 4,6 Sekunden auf Tempo 100. Erst bei 250 km/h wäre mit der Beschleunigung Schluss.

Doch in den USA ist das ohnehin nur ein theoretischer Wert. 8,5 Liter soll der V8 auf 100 Kilometern verbrauchen. Wer nur gemütlich durch die Gegend cruist, könnte das sogar schaffen. Amerikanische Küstenstraßen sind dafür prädestiniert.

Wellness auf Rädern – ganz im Ernst

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Lodernde Glut? Mit der "Energizing Komfortsteuerung" wird's heimelig

Der Fahrer muss sich entscheiden. Will er die atemberaubende Landschaft am Pazifik genießen oder bleibt der Blick hängen am offenporigen Holz des Armaturenbretts, den edlen Aluknöpfen und den unter einer Abdeckung verschmolzenen TFT-Monitoren?

Für Entspannung sorgt die "Energizing Komfortsteuerung". Sie bündelt Innenlicht, Musik, Heizung, Massage, Sitzheizung, Belüftung und Duft zu sechs speziellen Programmen, die zehn Minuten dauern und den Benz zur rollenden Wohlfühloase machen – in Kombination mit der wärmenden Sonne am Kopf ein Genuss. 

Doch es gibt auch Raum für Verbesserungen. Das neue Lenkrad gleicht einem Kleincomputer, das mit vielen Tasten, Schaltern und einem Touchpad völlig überfrachtet ist. Und dass das Lenkrad leicht vibriert, irritiert ebenfalls bei einem 140.000-Euro-Auto.

Für das "Einstiegs-Coupé" S450 mit 367 PS verlangt Mercedes mindestens 101.656 Euro. So dürften die S-Klasse-Ableger wohl für die meisten ein Traum auf Rädern bleiben. 

Technische Daten                     Mercedes S560 Cabriolet                    
Motor                     V8-Zylinder-Turbobenziner
3982 cm3
345 kW/469 PS
700 Nm bei 2000 U/min                    
Fahrleistungen                     4,6 s auf 100 km/h
250 km/h                    
Verbrauch                     8,5 l Super/100 km
199 g CO2/km                    
Maße                     L 5,03/B 1,89/H 1,41 m 
 Kofferraum 350 l
 Preis ca. 140.000 €

"Die S-Klasse ist ein Synonym für Luxus" 

Hermann Storp, Chefentwickler der Mercedes S-Klasse

Seit 17 Jahren entwickelt Hermann Storp, 61, die Mercedes S-Klasse. Drei Generationen und unzählige Veränderungen gingen über seinen Schreibtisch. Die Facelifts des S-Klasse Coupés und S-Klasse Cabrios sind seine letzten Schöpfungen, bevor er sich in den Vorruhestand verabschiedet.

Was macht die S-Klasse für Sie so besonders?
Die S-Klasse bildet seit Jahrzehnten die Speerspitze des Automobilbaus, sie wurde ein Synonym für Luxus. Bei jeder Generation haben wir den Vorgänger technisch übertroffen, sei es bei den Motoren, dem Fahrwerk und dem Komfort. Dazu kommt der Wohlfühlfaktor der Bedienung: Ein Schalter muss nicht nur gut aussehen, sondern sich auch so anfühlen.

Was war das Schwierigste bei der Entwicklung des Cabrios und Coupés?
Auch wenn die beiden Varianten zur S-Klasse-Familie zählen, sehen Cabrio und Coupé ganz anders aus und fahren sich im Verglich zur Limousine unterschiedlich. Diesen beiden Fahrzeugen einen eigenen Charakter zu geben, zu deutlich mehr Sportlichkeit zu entwickeln, das war kompliziert. Dafür mussten wir nicht nur die Optik, sondern das Fahrverhalten ändern, ein härteres Fahrwerk nehmen sowie Motor und Getriebe sportlicher abstimmen. Wegen der rahmenlosen Türen und der fehlenden B-Säule mussten wir beim Coupé andere Wege für die Verwindungssteifigkeit und die Geräuschdämmung sorgen. Akustik, Fahrverhalten und Design sind nun anders als bei der Limousine.

Was ist Ihr Lieblingsauto?
Auch wenn ich mir zum Abschluss meiner Arbeit bei Mercedes eines CLS Shooting Brake gegönnt habe: Mein absoluter Traumwagen ist das S-Klasse S560 Coupé mit Allrad. Hinreißende Form, viel Power und dank des Allrades eine sehr gute Traktion. Mehr Luxus und Sportlichkeit unter einem Blech vereint geht derzeit nicht.


Text: Fabian Hoberg. Fotos: PR.

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