Auto China 2018: Billige Design-Kopien waren gestern

30.4.2018

Die größte Automobilmesse Asiens hat sich gemausert: Waren früher dreiste Plagiate an der Tagesordnung, werden diese auf der Auto China 2018 in Peking nun immer seltener. Aber ein paar Kopien gibt es noch – wie gefährlich sind sie für die europäische Autoindustrie?


Plagiate auf der China Auto Show 2018 hier zu sehen, der KDC Regola. Optische Kopie des McLaren.
Ein McLaren? Nicht wirklich. Hier steht der KDC Regola 

Von vorn gleicht der Sportwagen einem McLaren. Flache Haube, große Lufteinlässe, nach oben öffnende Türen und eine Fronthaube aus Carbon. Erst beim zweiten Blick merkt der Betrachter, dass dies kein britischer Sportwagen sein kann. Die vermeintliche Carbon-Haube entpuppt sich als Folie, der Lack wirft an den Stoßfängern Blasen und unter der schwarzen Lackierung schimmert es stellenweise grau durch. Eine schlecht gemachte Kopie. Und kein Einzelfall.

Ein paar Stände weiter gleicht der Lifan M7 wie ein Zwillingsbruder dem Ford S-Max, das Zotye T600 Coupé wirkt wie eine bunte Mischung aus VW Touareg (Front) und Audi Q5 (Heck).


Eine der größten Automessen der Welt

Willkommen auf der Auto China 2018 in Peking, einer der größten Automessen der Welt. Hier drängeln sich nicht nur ganze Schulklassen auf den Fachbesuchertagen, hier lassen sich auch Designer und Ingenieure von Modellen aus dem Westen inspirieren. Besonders beliebt: Sportwagen, SUVs, Geländewagen und Crossover-Modelle – fast ein Drittel aller Neuzulassungen entfallen in China auf diese Varianten.

Nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie (VDA) hat sich der Markt in China seit 2000 von 11,3 Millionen verkauften Autos im Jahr auf 24,2 Millionen mehr als verdoppelt. Zum Vergleich: In Deutschland wurden 2017 "nur" 3,44 Mio. Pkw neu zugelassen – insgesamt fahren 56,5 Millionen einheimische Fahrzeuge auf unseren Straßen, vom Motorrad bis zum Lastwagen.

Sind die Kopien denn eine Gefahr für die europäische Autoindustrie? "Die Hersteller müssen natürlich gegen Plagiate von kompletten Fahrzeugen vorgehen, aber eine Bedrohung sehe ich nicht", sagt Professor Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management an der Fachhochschule Wirtschaft (FHDW) in Bergisch Gladbach. Ein größeres Problem bestehe bei gefälschten Ersatzteilen wie Bremsscheiben, Federn oder Scheinwerfern. Die werden oftmals nicht nur dreist nachgemacht, sondern erfüllen auch die gültigen Sicherheitsstandards nicht – und deshalb sind sie gefährlich.

"Die Chinesen wollen schlicht Geld verdienen"

Zoom-In

Plagiate auf der China Auto Show 208 hier zu sehen, dass Zotye T600 Coupé, eine Mischung aus VW Touareg (front) und Audi Q5 (Heck)
T600 Coupé heißt kein VW-Modell, auch wenn es so aussieht.

Auch Jan Burgard, Geschäftsführer von Berylls Strategy Advisors aus München, kann keine unmittelbare Bedrohung für die Hersteller der originalen Fahrzeuge erkennen. "Original und Fälschung spielen preislich und qualitativ nicht in derselben Liga, eine ernsthafte Kannibalisierung des Geschäfts der europäischen Hersteller gibt es nicht", sagt er. Für einen wohlhabenden chinesischen Kunden komme der Kauf einer Kopie eines hochwertigen westlichen Autos ohnehin nicht in Frage.

Problematischer stellt sich seiner Meinung nach die Situation für amerikanische Hersteller dar. Modelle wie der Ford Edge oder der Buick Envision stehen wesentlich stärker unter dem Konkurrenzdruck durch chinesische SUVs. Denn hier sei der Preisunterschied längst nicht so ausgeprägt, wie der zwischen dem des Porsche Macan und dem Plagiat Zotye SR8, der in China für umgerechnet etwa 15.000 Euro angeboten wird.

Den Grund für die Kopiererei sieht Burgard in der hohen Designqualität der europäischen Produkte. "Zwar heißt es, dass die Nachahmung die höchste Form der Wertschätzung sei. Aber die Chinesen bauen ja keine Autos, um Europäern Anerkennung zu zollen, sie wollen schlicht Geld verdienen", sagt Burgard.

Bald haben die chinesischen Marken ihr eigenes Design

Zoom-In

Plagiate auf der China Auto Show 2018 hier zu sehen, der Lifan M7, wie ein Zwillingsbruder vom Ford S-Max
Dem Ford S-Max wie aus dem Gesicht geschnitten: Lifan M7

Grundsätzlich können sich die Hersteller gegen die Plagiatoren wehren. Design lässt sich in China bis zu zehn Jahre schützen, auch wenn das Land ein eigenes Marken- und Designrecht hat. Daher sei ein Erfolg bei einer Designschutzklage vor chinesischen Gerichten nicht garantiert.

Nach Meinung der Experten nehmen die Plagiate inzwischen ab. "Große Hersteller oder Start-up-Unternehmen, die etwas auf sich halten, kopieren europäische Hersteller nicht mehr, die haben sich emanzipiert. Die Unternehmen werben eher Designer von westlichen Firmen ab und kreieren eigene Formen", sagt Professor Bratzel. Die Hersteller, die immer noch kopieren, werden auf lange Sicht nicht überleben.

Burgard sieht das ähnlich: "Die Plagiatswelle läuft aus, das zeigten schon die beiden vergangenen chinesischen Automessen in Shanghai 2017 und Peking 2016. Immer mehr Firmen wollen sich von den westlichen Vorbildern absetzen, vor allem beim Design der SUVs und noch stärker bei den E-Autos. Die chinesischen Hersteller werben deshalb zunehmend europäische Designer von anerkannten Marken ab. Diese Stylisten werden dafür sorgen, dass die Chinesen künftig eigene Designsprachen bekommen", so Burgard. Dann wird der einst größte Copy-Shop der Welt endgültig dichtmachen.

 

Text: Fabian Hoberg. Fotos: Fabian Hoberg.

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