Auto & Innovation

Große Freiheit hinter Gittern

In der JVA Siegburg können Häftlinge an Autos schrauben für eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker.

Für viele junge Männer ist Kfz-Mechatroniker ein Traumjob – so weit so gewöhnlich. Wenn die Auszubildenden aber hinter Gittern sitzen, ist das eine Besonderheit: In der JVA Siegburg schrauben Häftlinge an Autos. Mit einigen Einschränkungen und Auflagen.

Funken fliegen durch die Luft. Die Flex heult seit einigen Minuten, schrubbt die Schweißnaht am Vierkantrohr glatt. Mit einem prüfenden Blick schaut sich Dennis (Name geändert) seine Arbeit an, streicht mit dem Handschuh über die Oberfläche. Aus den Rohren soll eine Auffahrrampe werden. Grundkurs Metall. Ein Blick zur rechten Seite, und der 31-Jährige schaut auf einen Hyundai. Bald wird er auch an diesem Auto schrauben dürfen.

Toller Erfolg: Die Rückfallquote sinkt durch die Ausbildung
Seit 1896 besteht die JVA Siegburg in der Nähe Kölns. Aus dem einstigen Jugendknast wurde in den vergangenen Jahren ein Männergefängnis. Hier sitzen rund 430 Erwachsene mit kurzen und langen Haftstrafen: Betrüger, Diebe, Gewalttäter und Mörder. Etwa 250 Justizvollzugsmitarbeiter passen auf sie auf. Damit der Alltag nicht zu lang und öde wird, bemüht sich die Gefängnis-Verwaltung, ihn sinnvoll zu gestalten. Zwar besteht im Männervollzug Arbeitspflicht, aber die meisten Jobs sind monoton. Das Besondere in Siegburg: Acht Häftlinge können eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker in der eigenen Kfz-Werkstatt absolvieren. Einmalig in Nordrhein-Westfalen. Die Ausbildung dient aber nicht nur dem Selbstzweck: Liegt die Rückfallquote bei normalen Häftlingen bei rund 60 Prozent, sind es nach einer Ausbildung nur zehn. Dreieinhalb Jahre dauert die Lehre, die oft an das Haftende gelegt wird, damit sich die Mechaniker mit frischem Wissen einen Job suchen können.

Wie in der Schule: Auch in Haft muss man für die Prüfung büffeln
Zwei Azubis stehen kurz vor dem Abschluss, drei haben demnächst Zwischenprüfung. Zweimal in der Woche lehrt ein pensionierter Berufsschullehrer in der JVA Fachkunde, Wirtschaft und Politik. Auch der Umgang mit Computern wird trainiert, allerdings ohne Internetanschluss. „Die Ausbildung ist sehr theoretisch, aber gründlich“, sagt Dennis. Dafür liegt die Durchfallquote aber auch nur zwischen 10 bis 20 Prozent. Dennis sitzt seit August 2016 in Siegburg. Insgesamt zehn Jahre hat er wegen Betrügereien bekommen. „Autos haben mich schon immer fasziniert, die Technik, die Power, das Design und natürlich das Fahrgefühl“, sagt er. Sein Traumwagen ist ein Lamborghini Aventador mit V12, bis zu seiner Festnahme fuhr er einen großen BMW mit Achtzylinder. 

Die Lehrwerkstatt ist ordentlich ausgerüstet – geübt wird an Anstaltsautos
In der kleinen Halle mit grellem Neonlicht stehen drei Hebebühnen, Motortester, Elektrik-Schaltwand und Diagnosegeräte. In der Ecke liegen zerlegte Motoren und Getriebe, auf den Rollwagen stapelt sich Werkzeug. Die Lehrwerkstatt ist ordentlich ausgestattet. „Die Jungs lernen hier alles, fast mehr als draußen“, sagt der Kfz-Meister. Monatelanges Reifenschleppen oder ständige Ölwechsel gibt es im Knast nicht. Aber auch keine betriebsame Hektik. Wenn bei den Übungsfahrzeugen mal was kaputt geht, ist das nicht so schlimm wie bei einem „richtigen“ Kundenfahrzeug. Morgens verteilt der Meister die Arbeitsaufträge: Wartung durchführen, Steuerzeiten einstellen, Zahnriemen wechseln oder die Kupplung tauschen. „Nach der Reparatur schreiben die Azubis ihre Arbeitsberichte, der Ablauf gleicht dem in einer normalen Werkstatt“, sagt der Kfz-Meister. Die Autos die hier herkommen, sind schon ein paar Jahre alt. Neben einem Hyundai steht ein älterer Opel Astra. Es sind Alltagsautos der Anstalt, wie auch Bullis, Transporter, Kombis und Limousinen. Doch in die eigene Kfz-Werkstatt kommen sie erst, wenn die Mobilitätsgarantie erloschen ist. Leasing-Autos sind tabu. Demnächst soll die Kfz-Werkstatt Gefangenen-Transporter umbauen dürfen – mit Gittern, Trennwänden und Belüftungssystem. Eine Halle weiter stehen zwei Autos zum Lackieren. In der Werkstatt lernen derzeit vier Häftlinge den Beruf des Autolackierers. Doch im Gegensatz zu der Kfz-Werkstatt dürfen hier alle Autos der Justiz bearbeitet werden – zu üblichen Stundensätzen.

Eine Probefahrt ist leider nicht möglich
Wie in einer normalen Schrauberwerkstatt quellen im Aufenthaltsraum die Aschenbecher über, kleben an der Wand Poster von Pin-up-Girls. Nur die Gitterstäbe verdunkeln die Fenster und erinnern die Häftlinge, wo sie gerade schrauben. „Es ist schade, dass wir hier keine Probefahrt machen und hören können, was an dem Auto kaputt ist“, sagt Häftling Marco (Name geändert). Er ist nicht nur vom Fahrgefühl fasziniert, sondern auch von der Technik. „Ich freue mich immer, wenn ein neues Auto reinkommt. Wie letztens der VW Bus, bei dem ich die Simmerringe tauschen durfte“, sagt er. Acht Jahre hat er wegen bewaffneten Raubüberfalls bekommen. Wenn alles gut läuft, kommt er in zwei Jahren wegen guter Führung raus. 
Unter den Schraubern herrscht ein anständiger Ton, sie respektieren sich gegenseitig, Stress gibt es selten. „Freiwillig brechen die Jungs die Ausbildung nicht ab“, sagt der Meister. Denn mit 300 Euro im Monat werden sie im Knast gut bezahlt und die Ausbildung ist die bessere Alternative zu den anderen Jobs.

Nach der Arbeit wird streng kontrolliert
Der Tagesablauf ist immer gleich: Um 6.45 Uhr ist Arbeitsbeginn für die Gefangenen. Um 11.15 Uhr geht es zurück in den Block, eine Stunde Mittagspause. Dann wird weiter gearbeitet, bis 16 Uhr. Beim Ausrücken aus der Halle gibt es stichprobenartig Kontrollen. Das Werkzeug wäre für einen Ausbruch ideal. „Die Jungs wissen aber auch: Wenn was fehlt, sind sie ihren Job und ein Stück Hoffnung los“, sagt der Meister. Es ist die Hoffnung auf ein neues Leben. Wenn der 24-jährige Marco Ende des Jahres seine Prüfung besteht, kann er im offenen Vollzug draußen arbeiten. Als frisch ausgebildeter Kfz-Mechatroniker. Marco wünscht sich, nach der Haft in der Werkstatt eines Verwandten unterzukommen. Auf dem freien Markt wird es sonst schwierig. „Wer nimmt schon einen Verurteilten?“, sagt er. Doch Ölwechsel, Fahrwerkseinstellung und das Zerlegen eines Motors stellen für ihn bald kein Problem mehr dar. Und auch der Probefahrt nach einer Reparatur steht dann nichts mehr im Wege. Draußen, in der Freiheit.

Text und Fotos: Fabian Hoberg

Statistik

In Deutschland gibt es 185 Vollzugsanstalten, in denen rund 61 000 Männer und 3 500 Frauen ihre Haftstrafe absitzen. Tendenz abnehmend. Die meisten davon in Nordrhein-Westfalen. Das bevölkerungsreichste Bundesland hat 37 Justizvollzugsanstalten und etwa 15 000 Häftlinge. 430 davon leben in der JVA Siegburg. Bis 2012 war der Knast ein reines Jugendgefängnis. Nach dem Foltermord 2006, bei dem ein Häftling von seinen Zimmergenossen zu Tode gequält wurde, wurde der Knast umstrukturiert. Mehrbettzellen gibt es nur noch in Ausnahmefällen.