Audi e-tron Vision Gran Turismo – vom Playstation-Star zum echten Renntaxi

16.4.2018

Von der Vision in die Wirklichkeit: Audi baute den Designentwurf aus dem Spiel Gran Turismo zum elektrischen Spitzensportler für die Straße auf. Kaufen kann man den flachen Flitzer nicht – aber mitfahren als Gast im Renntaxi bei der Formel E. Erster Fahrbericht

Audi E-Tron fahrend in der Vorderansicht
Futuristisch: Diesen Elektro-Boliden wird man künftig bei der Formel E sehen 

Audi reißt die Grenzen zwischen Virtualität und Realität ein: Als erster Hersteller holen die Bayern jetzt ein Auto aus der Spieleserie Gran Turismo von der Datenautobahn auf die Rennstrecke und bauen den Designentwurf als voll funktionsfähigen Sportwagen auf: E-tron Vision Gran Turismo heißt der Flachmann mit dem grimmigen Blick, und man wird ihn künftig öfter zu Gesicht bekommen – als Renntaxi bei den europäischen Läufen der Formel E.

 

Audi zeigt, dass E-Autos emotional sein können

Zoom-In
Rendering des Audi E-Tron fahrend
Kaum zu unterscheiden: So sieht der Audi auf der Spielekonsole aus

Für Designchef Marc Lichte geht damit ein Traum in Erfüllung. Nicht nur, weil er endlich eine Neuinterpretation des legendären Audi 90 quattro IMSA GTO aus dem Jahr 1989 zeichnen konnte. Sondern auch, weil er damit seinen Kollegen bei der Konkurrenz eine lange Nase drehen kann. Denn 1:1-Modelle der zuletzt fast inflationär oft dargestellten Playstation-Autos mag es zwar in den letzten Jahren einige gegeben haben. "Doch einen voll funktionsfähigen Rennwagen hat daraus noch keiner gemacht," sagt Lichte, der damit beweisen will, wie emotional Elektroautos von Audi sein können.

Der verantwortliche Mann dafür ist Martin Mühlmeier. Er kommt aus dem Vorseriencenter und baut mit seinem Team sonst Erlkönige und ganz frühe Prototypen auf. Dass er auch den Vision Gran Turismo in nicht einmal zwölf Monaten aus der Virtual Reality geholt hat, verdankt er dem gut gefüllten Teileregal bei Audi. Den Antrieb übernahm er kurzerhand vom echten e-tron, mit dem Audi zum Jahreswechsel sein erstes Akku-Auto in Serie bringen will. Und das brettharte Fahrwerk sowie die super-direkte Lenkung stammen aus der Rennabteilung und kommen so oder so ähnlich etwa bei der DTM zum Einsatz, erläutert Mühlmeier. Nur das Chassis und die natürlich aus Karbon gebackene Karosserie sind maßgeschneidert für das Einzelstück.

Sportlich: Drei Elektromotoren mit jeweils 200 kW

Zoom-In
Cockpit des Audi E-Tron
Das Cockpit sieht leider nur im Spiel aus wie in einem Flugzeug

Der Griff ins Regal hat gleich mehrere Vorteile: Er sparte Mühlmeier nicht nur Zeit und Geld, so dass der Vision Gran Turismo schneller fertig und billiger zu haben war als jedes konventionelle Showcar. Sondern er garantiert die bestmögliche Performance. Und das war die Hauptsache. Denn der e-tron soll nicht nur rollen, wie so viele andere Studien, sondern rasen. Und zwar vor großem Publikum als Renntaxi in der Formel 1.

Vor der Jungfernfahrt beim ePrix in Rom waren wir bereits am Steuer – ein wahrlich surreales Erlebnis. Denn wenn drei E-Maschinen von jeweils 200 kW auf gerade mal 1450 Kilo treffen, und es um nichts anderes geht als die schnellste Runde auf einer Rennstrecke, dann sprengt das schnell den Erfahrungshorizont selbst eines PS-Profis. Und so oft man auch in einer Playstation gefahren sein mag, die Realität ist doch ein anderes Kaliber.

Jede Kurve jagt den Puls in die Höhe

Zoom-In
Ein Testredakteur fährt einen Audi E-Tron
In 2,5 Sekunden auf 100 km/h – das macht Laune

Los geht’s: Erstmal muss man sich durch die schmale Tür tief nach unten in den Sitz fädeln, dann quetschen einem die Mechaniker mit dem Fünfpunkt-Gurt den letzten Rest Luft aus der Lunge. Und wenn dann ein freundlicher Helfer das Steuerhorn auf die Lenksäule klickt – dann fühlt es sich verdammt echt an - weil es eben auch echt ist. Entsprechend vorsichtig rollt man aus der Boxengasse auf die Teststrecke und erlaubt seinem rechten Fuß kaum mehr als ein Streicheln.

Schließlich wird die Versuchung irgendwann doch so groß, den Wagen endlich so benutzen, wie es gedacht ist – nur um den Erfahrungshorizont gleich noch um ein paar Dimensionen zu erweitern. Denn die weniger als 2,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h fühlen sich noch eindrucksvoller an, weil sich dabei der Magen auf die Größe eines Tennisballes verkrampft. Die auf 225 km/h limitierte Höchstgeschwindigkeit wirkt schneller, wenn eine kurze Gerade dafür ausreicht und am Ende eine schier unbezwingbare 180 Grad-Kehre wartet. Jede Kurve jagt den Puls in die Höhe, weil die Bodenhaftung des Vision Gran Turismo dort ungeahnte Geschwindigkeiten erlaubt. 

Elektroautos: Schon gefahren und bewertet

Der e-tron Vision Gran Turismo bleibt ein Einzelstück

Zoom-In
Audi E-Tron Heckansicht
Hier wieder der echte e-tron: Audi ist die Umsetzung perfekt gelungen

Dass die 60 kWh großen Akkus bei so einer Raserei nicht wie auf der Straße 500, 600 Kilometer reichen, sondern Projektmanager Mühlmeier schon froh ist, wenn der Vision Gran Turismo mit einer Ladung ein Dutzend Runden schafft, mag zwar auf ein Manko der Elektromobilität hinweisen. Doch noch nie waren wir dafür so dankbar wie diesmal. Denn viel mehr hält auch der stärkste Magen nicht aus.

Dieses Problem wird sich aber ohnehin nur selten stellen. Denn der e-tron Vision Gran Turismo bleibt definitiv ein Einzelstück: Den Wagen kann keiner kaufen und den Platz auf dem Beifahrersitz gibt es nur für ein paar auserwählte Renntaxi-Gäste. Anderseits kann ihn aber tatsächlich jeder fahren – die elektrische Flunder jagt auch weiterhin über die Playstation.

Text: Thomas Geiger. Fotos: PR.

Viele weitere Fahrberichte und Autotests finden Sie bei der ADAC Motorwelt.

Kritik, Lob, Anregungen? Schreiben Sie uns: redaktion.motorwelt@adac.de