Unter erschwerten Bedingungen: Krankenrücktransport aus Afrika

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Die Corona-Pandemie erschwert die Hilfeleistung im Ausland. Bei einer Rückholaktion aus Kamerun musste das Personal zusätzlich das Thema Gelbfieber beachten.

Camilla Grefrath, Jahrgang 2000, ist nicht zum ersten Mal in dem zentralafrikanischen Land, um ihren Freund zu besuchen. Bei ihrem vierten Aufenthalt ist sie also mit dem lebhaften Straßenverkehr in Kamerun vertraut, als sie sich am 3. Februar 2021 abends als Beifahrerin auf ein Moped setzt, um mal schnell Pizza zu holen. Wer ahnt schon, dass einen die Hinweise des Auswärtigen Amtes, das von unverantwortlichem Verkehrsverhalten vieler Fahrer und vielfach höherem Unfallrisiko im Vergleich zu dem in Europa schreibt, persönlich betreffen könnten.

Der Unfall

Es passiert auf der Rückfahrt: Ein entgegenkommender Pick-up-Fahrer überholt, bemerkt das Moped und steuert auf seine Spur zurück. Dass sich die Fahrzeuge touchieren kann er zwar verhindern, doch das linke Bein der Informatik-Studentin wird von dem Auto erfasst. Das Moped mit ihr und dem Fahrer fällt auf die Straße. Der Pick-up fährt zunächst weiter, der Fahrer hält dann aber doch an und übernimmt die Verantwortung für den Unfall.

Die Erstversorgung in Afrika

Das Hôpital de Ebomé im Südwesten Kameruns © mauritius images/alamy

Schnell sind Helfer zur Stelle, die die Deutsche in ein Fahrzeug heben und ins Hospital in Ebomé nahe der Atlantikküste Kameruns bringen. Unter Schock reagieren viele Menschen irrational: Camilla Grefraths Gedanken drehen sich zuallererst um den Verbleib der noch lauwarmen Pizza. Der Schmerz kommt erst, als sie aus dem Auto geholt und ins Krankenhaus gebracht wird. Dieses ist sehr einfach gebaut, wird von einem spanischen Hospital unterstützt und muss rund 180.000 Menschen im Umland versorgen. Innen angekommen erweckt es dann bei der Studentin mehr Vertrauen, und die saubere Erstversorgung funktioniert: Die Wunde wird genäht, eine Tetanusspritze gesetzt, Schmerzmittel verabreicht. Allerdings kann das offenbar gebrochene Bein nicht korrekt stabilisiert werden.

Nun endlich kann Camilla Grefrath eine WhatsApp-Nachricht an ihre Mutter schicken. Diese kontaktiert den ADAC, bei dem ihre Tochter eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen hat. Die Mitarbeiter des ADAC Ambulanz-Service können das Krankenhaus in keiner Datenbank, dann aber mit Hilfe von Google Earth finden. Sofort nehmen sie Kontakt mit dem behandelnden Arzt und der Patientin auf, halten Camilla Grefrath in den folgenden Tagen immer auf dem Laufenden. Auch ihr Vater und die deutsche Botschaft in Kamerun kümmern sich in diesen Tagen um Hilfe für die Verunglückte.

Zwischenstation: Die Klinik in der Hauptstadt Kameruns

Camilla Grefrath – und ihre Trost spendende Pizza – auf dem Weg nach Yaoundé © privat

Die Organisation nimmt Fahrt auf: Der ADAC Ambulanz-Service organisiert über ein Rettungsunternehmen vor Ort die Verlegung in die besser ausgestattete Klinik in der Hauptstadt Yaoundé. Über vier Stunden dauert die zum Teil ruckelige Fahrt, auf der sich das gebrochene Bein sehr schmerzhaft bemerkbar macht. Es helfen Medikamente, aber auch Schlaf und – die Pizza, mit der das Dilemma seinen Anfang nahm. Erstaunlicherweise hat sie den Unfall besser überstanden als Camilla Grefrath.

Um die Operation am Bein durchzuführen, mangelt es auch in der Klinik in Yaoundé am erforderlichen Material, wie zum Beispiel einem Marknagel. Der Chefarzt empfiehlt auch aus Zeitgründen – es sind schon mehrere Tage vergangen – die Operation in Deutschland.

Krankenrücktransport aus Afrika unter Corona- und Gelbfieberbedingungen

Währenddessen macht sich die Pandemie für alle Beteiligten bemerkbar: Im Krankenhaus in Kamerun ist kein Coronatest verfügbar, der Freund der Studentin besorgt ihn in einer Apotheke. Denn ein negatives Testergebnis ist Voraussetzung für die Ausreise.

Im Einsatz für den ADAC Ambulanz-Service: Eine Dornier Fairchild 328 – 300 © ADAC Ambulanz-Service

Das nach Kamerun fliegende Team des ADAC Ambulanz-Service hat allerdings ein weiteres Kriterium zu beachten: Um am 6. Februar einreisen zu können, brauchen alle Beteiligten zusätzlich zum negativen Coronatest-Ergebnis eine Impfung gegen Gelbfieber. Entsprechend muss das Team zusammengestellt werden. Diese erschwerten Bedingungen zur Vorbereitung der Rückholung kosten Zeit. Am 7. Februar aber kommt die Patientin wohlbehalten an Bord der Dornier Fairchild 328 des ADAC Ambulanz-Service und kann nach Deutschland geflogen werden. Im Krankenhaus Köln-Merheim schließlich muss sie drei weitere Coronatests machen und darf weder ihr Zimmer verlassen noch Besuch empfangen.

Endlich: Operation in Köln

Als die Ärzte vor der Operation die Gipsschiene und den Verband entfernen, stellen sie erstaunt und ein bisschen amüsiert fest, dass ihre Kollegen in Yaoundé darunter das Bein mit einer Karton-Verpackung stabilisiert haben. Sehr ungewöhnlich, aber sie hat ihren Zweck erfüllt. Bei der Operation klärt sich die Frage, warum die Patientin seit dem Unfall ihren linken Fuß nicht wie gewohnt bewegen kann: Die Achillessehne ist gerissen, außerdem das Kreuzband verletzt. Trotzdem nimmt sie zügig ihr Studium wieder auf und schreibt sogar kurz nach dem Krankenhausaufenthalt in Präsenz Klausuren.

Ihre Genesung – die Regeneration der Achillessehne kann ein halbes Jahr dauern – macht gute Fortschritte. Zwar muss sie links einen orthopädischen Schuh tragen, und der Marknagel im Bein stört beim Schlafen. Aber er wird so bald wie möglich wieder entfernt, und dank ihres ADAC Auslandskrankenschutzes muss sich die Studentin um die Kosten der Rückholaktion keine Gedanken machen. Krankenrücktransporte nach Deutschland sind generell nicht über die gesetzliche Krankenkasse abgedeckt und kosten ohne Versicherungsschutz innerhalb Europas meist einen fünfstelligen Betrag, weltweit weitaus mehr.

(Camilla Grefrath erzählte uns ihre Geschichte im April 2021.)

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